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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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215
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Briefe an Lessiiig, 1770.

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zu nehmein Ich muß ihn nothwendig von Person kennen lernen.Gott führe Sie, liebster Lessing , bald gesund »nd fröhlich in unsre Arme.Braunschwcig, I ^bert-

den 19. März 1770.

Halberstadt / den 21. März 1770.

Eine Erklärung/ mein liebster Freund/ finden Sie nöthig? Ich be-wundre, verehre/ liebe meinen Lessing; meine Freundschaft gegen ihnhab' ich auch nicht mit einem Gedanken beleidigt. DaS ist die Erklärung!

Geflissentlich war mein Stillschweigen nicht/ und einen stummenVorwurf konnt' es nicht enthalten. Sie wissen/ mein liebster Freund/wie so wenig Zeit für meine lieben Musen mir übrig bleibt. Wiewär' es möglich, es mir nur einfallen zu lassen, mich in Streitigkeiteneinzumischen, die mir das Bißchen Zeit ganz hinweg nehmen könnten!Und benahm denn nicht das Gedichtchen an meinen Lessing , in denOden nach dem Horaz, allen Verdacht irgend eines stummen Vorwurfs i

Die neuen Freunde haben sich nicht zu mir gedrängt; das Badzu Lauchstedt, das ich drey Jahre hinter einander besuchte, hat sie ganzvon ungefähr mir zugeführt/ und nicht mit einem einzigen derselbenhab' ich zum Nachtheil meiner alten Freunde nur eine Sylbe gesprochen,geschweige mich sonst in ein litterarisches Bündniß mit ihnen eingelas-sen, wie man boshaft genug in Berlin ausgestreuet hat.

Ich wollte, daß ich Zeit dazu hätte mit den überzeugendstenDocumenten könnte ich es belegen, daß ich keine von den in meinenAugen so häßlichen Repressalien verdient habe. Meine Lage fodcrt,mich in der Stille zu halten, sonst hätt' ich gegen den Bösewicht, dercS darauf anlegt/ mich bey der Welt und meinen alten Freunden ver-haßt zu machen, mich öffentlich vertheidigt. Weil ich das nicht kann,und ihr nicht Zeit habe, mein theuerster Freund/ mich in das Umständ-liche einzulasse»; so haben Sie nur so lange Geduld, bis ich entwederin Wolfcnbültcl Sie besuche, (welches gewiß keinen Tag länger/ alscS die Noth erfordert/ aufgeschoben werden soll), oder bis ich Muße habe,von unangenehmen Sachen mit meinem Lessing länger zu schwachen.Und bis dahin auch die Bitte, mir zu sagen, welches in dem Gedichtan Iacobi die beißenden Züge auf die ernsthaften DichtungSarten seynsollen. Denn in Wahrheit, mein liebster Freund, ich hab' cS gelesen,und wieder gelesen, und jene mir unnalürlichcn Züge nicht gefunden,die mir auch nicht einmal entwischm könnten, weil weder in meinemGeschmack, noch in meinem Herzen, irgend ein Grund dazu sich findet.