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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1770.

fast nicht mehr möglich war. Ich Unglückliche! habe den incinigcngar nicht gekannt. Ich muß nur hiervon abbrechen. Denn seitdemich hier bin, bin ich wieder in derselben EemülhSverfassung, wie inPyrmont . So wie mich einer anredet, habe ich Thränen in den Au-gen; was mich besonders gestern, da ich bey Herrn von Wagencrspeisete, nicht wenig verlegen machte. Wie kann es aber anders seyn?Alles erinnert mich an meine vergangne Glückseligkeit. Sogar dieFabrik, wie ich die heute besuchte, statt daß sie mich hätte freuen sol-len, weil sie völlig gut, und aufs beste eingerichtet ist, hat mich nie-dergeschlagen gemacht. Sie haben völlig Recht, alles hat seineZeit; allein steht e§ bey uns, diese Zeit zu bestimmen? Glauben Sienur, daß ich mir alle Mühe gebe, wich aufzuheitern. Was vermagich weiter?

Das Uebrige von Ihrem Brief zu beantworten, muß ich auf eineandere Zeit versparen, weil die Post sogleich abgeht. Ich glaubte, sieginge zwey Stunden später. Nun wissen Sie doch, daß ich anOrt und Stelle bin. Wohin Sie die Briefe hierher addressircn, wis-sen Sie auch. Einer ist hoffentlich untcrweges; denn mit Ihrem anmich Denken allein, bin ich nicht zufrieden, dies ist zu ungewiß.

Leben Sie recht wohl, und werfen Sie die unangenehme Arbeitauf die Seite, damit Sie am Ende nicht gar hypochondrisch werden.Diesen Rath giebt Ihnen Ihre beste Freundinn und

Wien , ergebene Dienerinn

den 30. Scptembr. e. C. König.

Die Betrunkene ist erwacht, und hat versprochen sich zu bessern,ich stelle ihr aber nicht viel Glauben zu.

Wien , den 4. Oktcbr. 1770.

Mein lieber Herr Lessing !

Werden Sie nicht böse, daß ich Ihnen schon wieder schreibe. Icharme Frau! was soll ich machen? In Gesellschaft zu gehen, habe ichheute keine Lust, und meine Bücher habe ich auch noch nicht; die lie-gen auf der Maut. Morgen soll ich sie erst holen lassen, und dochist eS noch ungewiß, ob ich eines davon wieder kriege. öS verstehtsich, so lange ich hier bin; denn wenn ich verreise, bekomme ich siealle wieder. Doch warum entschuldige ich mich? Ich habe Ihre Briefenicht halb beantwortet, und hauptsächlich die Kritik nicht, über meine