Briefe an Lcssing. 4770.
wegen der schrecklichen Arbeit, die dergleichen Bibliothekar-Werk er-fordert, bey diesem Einen Versuche bewenden ließen. Geschickte Hand-langer könnten unter Ihrer Aufsicht alle die schonen Sachen, die inIhrer Bibliothek bis auf Sie im Verborgenen blieben, der gelehrtenWelt mittheilen, indeß Sie uns mit dem zweyten Theile Ihres Lao-koonS, mit zwey Theilen Ihres Sophokles, mit allen den vortrefflichenWerken beschenken könnten, die das Genie eines Lessings hervorzu-bringen fähig ist.
Unser Mendelssohn war unerbittlich; er blieb nur einige Stun-den, und eilte zu seinen Kindern. Hätt' er nicht so sehr den zärtlichenVater verrathen, ich hatte mit Gewalt, so unfreundlich es auch ge-wesen wäre, ihn angehalten. Künftigen Sommer will er auf längereZeit uns besuchen.
Gleim.
Mein lieber Herr Lcssing!
Endlich erhalte ich gestern eine Antwort; ich weiß nicht — obauf zwey oder drey Briefe, die aber schon am ?-?tcn geschrieben seynsoll, und also sicbcnzchcn Tage unterwegs gewesen wäre. Wenn Siesich im Tatum nicht geirrt, so verstehe ich nicht, wo der Brief solange gelegen seyn mag. Dem sey wie ihm wolle, ich freue mich,daß ich ihn habe, und daß er mir sagt: daß Sie wohl und vergnügtsind. Tcnn vergnügt müssen Sie seyn, da Sie eine Arbeit vollbracht,die, nach Ihrem Vorhergehenden, eben nicht die angenehmste Beschäf-tigung für Sie gewesen, und für die Sie doch jctzo mit Beyfall be-lohnt werden, und noch dazu mit dem Beyfall der Theologen. -
Hätten Sie doch Ihren zwey bewunderungswürdigen Grafen einExemplar für mich mit gegeben. Niemals hätten Sie eine grössereNeugicrde gestillt; denn der Sie kennt, sollte der nicht neugierig seyn,etwas Geistliches von Ihnen zn lesen? Zudem habe ich jetzt am Geist-lichen mehr Geschmack, als an allem andern. Eben darum könnteich Ihnen mehr von den hiesigen Predigten, als vom Theater erzäh-len, welches ich seitdem nur einmal besucht, und kaum noch einmalbesuchen werde. Sie möchten denn Stücke aufführen, die mich mehrunterhalten, als die bisherigen. Den Brutus habe ich versäumt, worin-ncn, wie Herr von S. sagt, alle AcleurS in der größten Vollkommen-heit spielen. Außerdem haben sie nichts als hiesige Originalien gegeben,worunter die Haiisplagc ist, die nun schon drey Tage hintereinander