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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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299
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Briefe a» Lesfing. 1771.

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Hundertmal habe ich bedauert, daß dieser Zufall mich so langeIhrer Briefe berauben würde. Um so angenehmer war mir der heuteerhaltene. Ich danke Ihnen recht sehr dafür, und für den Antheil,den Sie an meiner Gesundheit nehmen. Aber glauben Sie nur, daßich eben so viel Antheil an allem nehme, was Sie betrifft, und dahernicht wenig unruhig bin, weil Sie mir in Ihrem letzten Brief somißvergnügt schienen. Was kränket, was ärgert Sie? Wenn Siewirklich so sehr mein Freund sind, als ich es wünsche, und mir vor-stelle, so sagen Sie es mir. Ich will mir indessen, wo möglich, ein-bilden, daß cS die Grille einer einsamen Stunde gewesen ist denndaß Sie deren machen, habe ich bey unserer letzten Unterredung erfah-ren. Um so mehr würde ich mich freuen, wenn Sie mich überzeug-ten, daß ich es errathen hätte.

Die Hauptsache ist: Sie sind nicht gesund. Sie werden es aberganz gewiß werden, wenn Sie mit Ordnung den Pvrmonter trinken.Ich nenne dies nicht Ordnung, sich des Weines ganz zu entwöhnen.Dies müssen Sie ja nicht thun; es könnte Ihnen mehr schädlich alsnützlich seyn. Doch, ich denke, die Warnung ist überflüßig. Kom-men Sie nur erst hicher. Der V- wird Sie schon zu überreden wis-sen, so daß Sie leider! keine Schadloshaltung für seine Gesellschaftbrauchen werden. Aus dem Leider sehen Sie meine Eitelkeit, daß ichmir wohl gar vorstelle, zu der Schadloshaltung was beytragen zu kön-nen. Im Grunde weiß ich zwar noch nicht, ob ich just diese Stelleersetzen wollte.

Das weiß ich wohl, daß ich des Herrn P. B- Stelle gerne ein-nehmen möchte, der diesen Abend nach Braunschweig , und zu Ihnenreiset. Mit ihm reiset Rathshcrr R. und RathSherr D. mit ihrenWeibern und Kindern; so wird Sie eine ganze Hamburger Pastete be-suchen, und Ihnen vermuthlich unser Herr P. B- so angenehmseyn, wie der Fürstliche Besuch.

Eben hat mir Herr W. erzählet: der Fürst von Dessau habe Ba-sedow cngagirt, um in Dessau ein Scminarium zu errichten. ESwürde schon in seinem Hause alles zusammen gcpacket, und er kämezu Ende künftiger Woche, um seine Familie zu holen. Sind wirnicht bedauernswürdig, da wir diesen berühmten Mann aus unsererNachbarschaft verlieren!

Gestern war meine erste Promenade in den Jungfernsticg, undjust traf ich Ihren so genannten Repräsentanten. Ob nun gleich Ma-dam Sch. bey jedesmaliger Begegnung ausrief: Mein Gott, welcheAehnlichkcit! so war ich doch nicht vermögend, auch nur die geringste