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die theologischen Mitarbeiter an der Allgemeinen Deutschen Biblio-thek werden die Achsel zucken, und seitenlange Fragen an Dich thun.Vielleicht schreckt Dich ihr Mißfallen ab/ mehr davon zu schreiben;und das wünsche ich von Herzen, wenn Du dafür Tragödien und Ko-mödien machen willst.
Moses ist besser, kann aber nicht arbeiten. Die beyden Juden, diesich von Lavater haben taufen lassen, sind liederliche Leute, und habenkeinen andern Bcwegungsgrund dazu gehabt, als ihre Armuth. Ei-nen Schwärmer, wie Lavater, zu hintergehen, sind sie noch zu feineWerkzeuge gewesen. D- Hirsche! allhicr hat sie sehr gut gekannt, undmir ihren Lebenslauf erzählt, der völlig so ist, wie das liederliche Gc-sindel ihn hatte führen müssen, um sich taufen zu lassen.
Mit Ramler habe ich gesprochen; er will es thun. Daß er schonan Deinen andren Liedern gefeilt hat, kann man daraus schließen, daßer den zweyten Theil von den Liedern der Deutschen herausgeben will.Er wird auch einen zweyten Theil seiner Oden drucken lassen. Dashat er mir zwar als ein Geheimniß gesteckt; aber die Geheimnisse derDichter sind nirgends besser verwahrt, als in dem Munde der gan-zen Welt.
Und nun von den Druckfehlern, die ich mit meinem Corrigircngelassen oder gemacht habe. Deine Handschrift ist zu deutlich, als daßich darauf die Schuld schieben könnte. Daß die meisten Stellen, worinich es verschen, einen Sinn geben, kann man eben so eigentlich sa-gen, als wenn man behauptete, daß das Philosophiren das christlicheSystem verbessert habe. Ich schäme mich zwar, mir mein Urtheilselbst zu sprechen; dieser Bogen, den Du jetzt bekommst, mag aberzeigen, ob die Scham bey mir fruchtet.
Karl.
Göttingcn, d- 11. Jul. 1771.
Mein werthester Herr und Freund, ich nehme mir die Freyheit,Ihnen mit diesem zweyten Bande VirgilS aufzuwarten, und bitte Sie,dieses kleine Zeichen meiner Hochachtung und Ergebenheit geneigt auf-zunehmen. Zugleich bahne ich mir den Weg, Sie einmal darüber an-gehen zu können, wenn ich noch, wie ich gesonnen bin, an die kleinenGedichte kommen sollte, welche Virgils Namen führen, daß Sie mirbey diesen mit den Hülfsmitteln, welche in der dortigen Bibliothekvorhanden sind, zu Hülfe kommen wollen. Dürfen wir noch die an-genehme Hoffnung hegen, Sie mit dem ehrlichen Herrn Reiste diesen