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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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375
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Briefe au Lessing . 1772.

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seinem besten Segen! Ich habe davor fast nicht einschlafen können,und hernach einen sehr unruhigen Schlaf gehabt! Und jetzt, da ichaufgestanden bin, kann ich nichts ander- denken und vornehmen. DieGeister Ihrer Personen spucken noch immer um mich her, und schwe-ben mir auf jedem Blatte, das ich lesen will, vor Augen. Wie frohbin ich, daß ich das Stück vorher nicht gelesen hatte! Hieraus könnenSie schließen, daß cS auch nicht schlecht gespielt worden. Sie wissen,wie weit meine Forderungen von dieser Art zu gehen pflegen, und daßick mich hierin» nicht immer so leicht begnüge, wie Sie. Aber dieScliauspielcr haben fast alle mit einander meine Erwartung weit übcr-troffcn; so wie Sie selbst ihr völlig Gnüge gethan haben; denn über-treffen können Sie dieselbe wohl niemals. Die Hohlin und Schul-zin haben ganz unverbesserlich schön gespielt. Die Mezicre (Sie wis-sen wohl, daß diese bisher mein einziges Ideal in dieser Art gewesen)hätte unmöglich besser spielen können. Selbst Döbbclin spielte seineRolle mit wahrer Würde und mit einem theils rührenden theils fürch-terlichen Ernste. Nachdem der Vorhang niedergelassen war, wurdevon mir und einigen Mitverschworncn dem glorwürdigen Verfasserzu Ehren geklatscht. Wenn er selbst zugegen gewesen wäre, so hätteich, glaube ich, seinen mir unbeschreiblich süßen und werthen Namenausgeschricen. Bald darauf wurde eben daS Stück auf künftigenMontag wieder angekündigt, und da klatschten wir von neuem. Aberleider werde ich es da nicht wieder sehen können, weil ich zum E. P.muß. Dieser ist gestern incognito da gewesen, und hat immer nachge-lesen. Wenn er dadurch nur nichts von dem ungcmcin beredten Spieleder beyden vortrcflichen Weiber verloren hat! Gönnen Sie sich dochselbst bald das Vergnügen, sie zu scheu, als die geringste Belohnungfür alles das unaussprechliche Vergnügen, daS Sie unS gemacht haben,o Shakespear-Lessing!

Braunschw-ig, 5 A. Ebert.

den 14. März 1772.

Wenn ich dicßmal unleserlicher als sonstcn geschrieben, so kömmtcS daher, daß mir noch alle meine Nerven von der gestrigen Erschüt-terung zittern, und ich eine Art von Fieber habe.

Halbcrstadt, d. 24. März 1772.

Mit krankem Arm, mein lieber Lcssmg, schreib' ich Ihnen, sosauer cS mir auf dem Bette wird. Ich habe durch einen unglücklichen