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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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Briefe a» Lesung. 4774.

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zu einem Endzweck schon an und für sich einen kleinen heimlichenDrückungSgcist voraussetze? Denn sagen: nur auf diesem Wege ist diewahre Glückseligkeit zu finden; ist das nicht gegen die/ welche diesenWeg nicht gehen, Geringschätzung? Ich mag nicht hinzusetzen, wieauch der Vernünftigste bey dem, was in seinen Kram taugt, verfährt.Kurz das größte Reich, bis zum unbedeutendsten Club, setzt einigenZwang voraus, legt ein gewisses Stillschweigen über gewisse Dingeauf, und da sich keine Gesellschaft anders denken läßt, so kann derNaturalist keine Gesellschaft ausmachen, weil er daS, was er heute fürunumstößlich halt, morgen für falsch erklären kann, oder erklären zukönnen glaubt.

Deine Anmerkung, daß die Landcsreligion den Frevdenkern nichtvöllige Freyheit verstatten müsse, und daß die Freydenker sie auch nichtvöllig verlangen können, scheint mir also sehr richtig. Zwar müßtedie Landesrcligion nichts zu denken, zu reden und zu schreiben, aberwohl auszuüben verbieten. Mich dünkt, man müßte also sagen- so wieman durch verschiedene Sprachen dem andern seine Gedanken eröffnet,so sind auch verschiedene Religionen, durch die man zur Gottseligkeitgelangt. So wie eine Sprache Vorzüge und Fehler hat, so auch dieReligionen. Um aber den IndiffcrentiSmus nicht zu sehr etnreißen zulassen, müßte man sagen: die Religion mit gewissen Fehlern und Vor-zügen schickt sich für dieses Land, für dieses Klima und für diese Mcnschen besser, als eine andere; und die Hauptsorge der Theologen würdeseyn, sie solchen Zwecken immer mehr anzupassen. Freylich bekäme ihrStand auf diese Art kein besonderes heiliges Ansehen; aber kein ver-nünftiger Mann dürfte sich auch schämen, ein Jude, ein Heide, einChrist u. s. f. zu seyn. Jede Religion hätte eine so weite Bedeutung,als Du von der christlichen behauptest; und je größer, weiter bezirkt derSinn, desto besser! Denn der Staat ist wirklich der beste, wo dieFreyheiten eines jeden Individuums am wenigsten eingeschränkt sind.Alle aber geltend machen zu wollen, heißt sie aufzulösen suchen.

Du hast Herrn Voß den zweyten Theil Deiner Schriften verspro-chen: er freuet sich sehr darauf, und hat an Dich einen Brief beyge-legt. Er erwähnte gegen mich eines Manuscriptcs, daS zwar nicht vonDir, aber nach Deiner Behauptung noch besser als von Dir seyn soll.Ey! waS für eins? wünscht die Ncugier eher zu wissen, als zu lesen.

Hast Du das Werk 6u Ilioatro oder lur lli-amütilzlue gelesen?Die Deutschen können mit dem Lobe zufrieden seyn, das der Verfasserihnen giebt; aber auch mit seiner Art zu raisonniren? Alles übertrie-