Druckschrift 
Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
547
Einzelbild herunterladen
 

Briefe .111 Lessing. 1776.

547

Ihnen wenig Muth und Lust zum Arbeiten laßt. Sie macht auf michdenselben Eindruck. WaS ich thue, ist erzwungen, und fällt mir dop-pelt hart, weil ich noch immer an der fatalen schmutzigen Arbeit deralten zwanzigjährigen Papiere bin. Noch habe ich in der Welt nichtsgethan, waS mich in Übeln Humor gesetzt hätte, als diese Untersu-chung der alten Scharteken, wobcy einem soviel Verdrießliches in dieHände fällt. Wären Sie doch hier! Sie würden mir gewiß helfen.Haben Sie doch schon einmal mir zu Gefallen eine alte Frau vierStunden lang unterhalten, warum sollten Sie dieß nicht auch thun?Bey dieser Gelegenheit muß ich Ihnen sagen, daß eben diese Frauvon Tr. zur höchsten Betrübniß ihres ManncS vorigen Monath ge-storben ist. Im Ernste, er soll über ihren Tod sehr traurig scvn;welches ich aber unmöglich glauben kann, wenn ich mich der Scenenerinnere, die unter ihnen vorgefallen sind-

Eine würklich erfreuliche Nachricht habe ich von Wien erhalten.Die kleine Frau von L. ist in gcsecgnetcn Umständen. Doch hat dieseNachricht mich nicht so sehr erfreut, als mich die von dc HacnS Todebetrübt hat. An diesem rechtschaffenen Manne habe ich einen wahrenund aufrichtigen Freund verloren.

Ich bin unvermerkt in die Wiener Welt verfallen, die mir imGrunde jetzt doch weniger am Herzen liegt, als das, waS Ihr Briefenthält. AuS denen Anträgen, die der E. Pr. Ihnen durch K. hatmachen lassen, urtheile ich sicher, daß er Ihr Gönner ist, und Siegern erhalten will. Weil aber Ihr erster Brief ihn nur gar zu deut-lich überzeugt hat, wie unerlaubt er gegen Sie gehandelt, so will erSie nicht gerne eher sprechen, als bis er glaubt, Ihnen Genüge ge-than zu haben. Daher glaube ich gar gerne, daß er ärgerlich wurde,wie er aus der Antwort von K... hörte, daß Sie nicht so leicht zubefriedigen wären. Ob dieser Freund auch alles so genau hätte über-bringen sollen? weiß ich nicht. Ich vermuthe ganz gewiß, daß derBrief unrecht datirt worden, und mit Absicht Ihnen so spät bchän-digt worden ist. Wenn cS durch Versehen geschehen wäre, sollte cSmich sehr verdrießen; zumalcn Sie glauben, daß der Pr. lange aus-bleibe» wird. ES wird sich aus der Antwort des Pr. vieles schließenlassen. Wenn er Ihnen nun gleich ernstliche Anträge macht, so irrenSie gewiß nicht, und er hat nur der Unterredung auszuweichen ge-sucht: wenn er Sie aber nur durch Komplimente hinzuhalten sucht/so weiß ich nicht, waS ich von ihm denken soll. Nach der jetzigen Lage,worinn der Hof sich befindet, dünke» mich seine Ancrbietungcn sehr

35"