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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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581
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Briefe an Lessing . 1777.

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Der hiesige Bibliothekar Pcrnetti hat eine Physiognomik geschrieben,unter dem Titel: I.a t?olinols5!mce 60 I'Iiommo moral par celleklo I'nomine zili^Ie/ue. Es sind schon zwey Theile in groß Octavheraus. Nach einer flüchtigen Durchlesung hat es mir geschienen/ daßmehr gesunde Vernunft, und richtigere Beobachtungen darin standen,als in dein Lavaterschen Werke. Aber er bläset die Backen nicht soauf, wie Lavatcr, und gesteht offenherzig, daß er sehr vieles von an-dern habe. Freylich hat auch er viele Ungereimtheiten; ober man siehteS gleich, daß es Ungereimtheiten sind, und er sagt sie in seiner Be-nedictiner-Einfalt hin. Lavatcr hingegen will immer mit seinem Phy»siognomie-Gcschmack-Genic in einem Bombast von Worten etwas Un-erhörtes sagen, und sagt gewöhnlich ctwaS Alltägliches, oder auch garnichts. Nicolai war mit meinem Raisonnircn sehr unzufrieden, undließ sich gar gegen Moses verlauten, ich hatte eS ihm nur zum Possenbehauptet. Aber es ist in der That mein Ernst.

Voß muß Deine Fabeln wieder auflegen, oder sie sich nachdru-cken lassen.

Du bist so gut, mich zu Dir einzuladen, und ich und mein« Fraulassen uns nicht zwcymal bitten. Kommen wir auch diesen Sommernicht, so kommen wir doch einen andern; und eine Freude erwarten,ist ja auch schon Freude, sagst Du selbst. Aber, liebster Bruder, derProfessor Grills, der aus Braunschwcig zurückgekommen ist, versichertmich, Du wolltest mit Deiner lieben Frau nach Berlin kommen. Othue es! wir bitten. Was soll ich cS Dir lange sagen, daß diesesnoch eine Freude wäre!

Karl.

Leipzig , d- 24. April 1777.

Liebster Freund,

Ich sende Ihnen, mein bester Freund, eine Nachricht, die Hr.Cacault mir für Sie aus Paris gesendet hat. Erbauen Sie sich daraus.

Ich bin bey Gelegenheit der Beschreibung von Berlin , die ichmit mehr Mühe, als sie vielleicht werth ist, umarbeite, auch ein Stück-chen von einem Historiker geworden, und finde nun, was Sie schonlängst wußten, daß die interessantesten historischen Bücher über die Ge-schichte können geschrieben werden, von welcher man nichts gewissesweiß. Ihr TheovhiluS kann also auch noch zu manchem schönen Bey-trage Gelegenheit geben; denn, wie mich dünkt, haben Sie immernoch zu beweisen, daß er vor Johann von Eyck gelebt habe.