Briefe an Xcsstiig. 1778.
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Liebster Bruder,
Ich habe ihn nicht länger halte» können. Ich danke Dir, daßDu uns an ihm einen Freund gegeben. Wir wünschten, cr hätte sichhier länger verweilt. Zu Deiner Erholung wird eine Reise das Besteseyn. Mache sie über Berlin . Wenn cS mir möglich ist, so besucheich Dich künftigen Sommer. Dein Sohn wird Dir sagen, wie sehruns verlangt, Dich und die Deinigen zu sehen!
Und nun von etwas anderm! Deine Emilia Galotti ist ins La-teinische übersetzt worden. Hier kann ich die lateinische Emilia nichthaben: vermuthlich hast Du etliche Eremplare davon, laß mir eins da-von ab. Ich möchte gern sehn, ob der Ucberschcr die Arbeit aus Un-kundc der Schwierigkeiten, oder auS Bewußtseyn seiner großen Stärkein der Lateinischen Sprache unternommen hätte.
Götz und Schumann haben ihren Kreuzzug gegen Dich angefan-gen. Das Ende dessen, was der erste in den Hamburgischcn Zeitungenpublicircn lassen, gefällt mir. Er räth zur Flucht, und seufzet, daßDu Gift und Aergerniß verbreitest. Wohl gesprochen! Aber an Schu-mann hast Du einen Gegner von der fatalsten Sorte: cr kriecht undschleicht so süß und sanftmüthig einher, mit einem viel cklcrn als or-thodoxen Stolze. Solche Leute könnte ich vcrsiflircn, aber nicht wider-legen. Hier nicht ein Voltaire seyn wollen, heißt gar nichts seynwollen. Mich cincS recht derben Gleichnisses zu bediene», — es gehtDir, wie jenem, der in der Schenke berauschten Bauern die Wahrheitsagte. Er hatte Recht, aber bekam nicht Recht; denn seine Richterwaren auch Bauern, wenn gleich nicht berauscht, doch verschmitzt- Ichmöchte gern dem Schumann geradehin sagen, er scv ein Folionarr:aber das geradehin zu sagen, ist freylich Impertinenz, und es in Um-schweife von etlichen Bogen einzukleiden, wäre Tinte und Papier -Verlust.
Lebe wohl, liebster Bruder. Tausend Grüße von meiner Frauund mir an die Deinigen.
Karl.
Vrannschweig, d. 28. Jan. 1778.
Ihre Duplik, für deren Mittheilung ich Ihnen herzlich danke,habe ich nicht, wie Sie, mein lieber heißhungriger Eristchthon, denSchumann, hintergeschlungen, sondern recht lecker auSgesogcn, und mirrechte Zeit zum schmecken gciiominc». Das Gerichte hat mir herzlichgeschmeckt; ich habe cS verdauet, und cS ist mir wohl bekommen. Ma-