Druckschrift 
Handelspolitik : Vorträge gehalten in Hamburg im Winter 1900/01 im Auftrag der Hamburgischen Oberschulbehörde / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
108
Einzelbild herunterladen
 

108

den Wiener Ministerkonferenzen des Jahres 1820 erließ, ist der Wegder preußischen Zollpolitik gegenüber dem Lärm der Einzelstaaten undder Entrüstung der großdeutschen Patrioten klar gezeichnet. Es heißt dort:Zu gemeinsamen Anordnungen sür ganz Deutschland ist der Zu-stand und die Verfassung der einzelnen Staaten nichts weniger als vor-bereitet----Es kann daher nur dadurch geholfen werden, daß die einzelnen

Staaten, welche durch den jetzigen Zustand sich beschwert glauben, mit den-jenigen Bundesgliedern, woher nach ihrer Meinung die Beschwerde kommt,sich zu vereinigen suchen und daß so übereinstimmende Anordnungenvon Grenze zu Grenze weitergelcitet werden, welche den Zweck haben,die inneren Scheidewände mehr und mehr fallen zu lassen."

Der erste Erfolg, den die preußische Politik in dieser Richtungerzielte, war, daß sich das von preußischem Gebiet ganz eingeschlosseneFürstentum Schwarzburg-Sondershauseu in das preußische Zollgebietaufnehmen ließ (im Jahre 1819). Es folgten einige andere Kleinstaatenteilweise für ihr ganzes Gebiet, teilweise für ihre in Preußen liegen-den Enklaven. Diese Staaten fanden dabei nicht nur ihren wirtschaft-lichen sondern auch ihren finanziellen Vorteil; sie erhielten einenihrer Bevölkerungszahl entsprechenden Anteil an den Zolleinnahmen,und das war auf alle Fälle erheblich mehr, als sie bei selbständigerZollerhebung hätten herauswirtschaften können.

Im Gegensatz zu diesen Kleinstaaten zeigten die Mittelstaatenanfänglich nicht die mindeste Lust zu einer Zolleinigung mit Preußen.Ihr Mißtrauen und ihre Abneigung gegen diesen aufstrebenden Staatbewirkten sogar, daß sie im Gegensatz zu Preußen einen Zusammen-schluß unter sich erstrebten; aber ihre Bemühungen blieben lange ohneErfolg, bis endlich im Jahre 1828 ein Zollverein zwischen Bayernund Württemberg zustande kam. Gleichzeitig hatte Preußen insgeheimVerhandlungen mit Hessen-Darmstadt geführt, das sich infolge derIsolierung Oberhesscns in einer zollpolitischen Zwangslage befand.Kurz nach dem Abschluß des bayrisch-württembergischen Zollvereinskam auch ein Zollverein zwischen Preußen und Hessen-Darmstadt zu stände (im Februar 1828), auf Grund eines Vertrags, der für denspäteren deutschen Zollverein vorbildlich geworden ist. Selbstverständ-lich wurde auch dem Großherzogtum Hessen ein seiner Bevölkerungentsprechender Anteil an den Erträgnissen der Zölle zugestanden. Da-zu kam aber, daß Preußen dem Souveränitätsgefühl Hessens dasgroße Zugeständnis machte, daß Abänderungen des Zolltarifs nur in