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Abhängigkeit vom Ausland. Diese Abhängigkeit werde sich schwerfühlbar machen, einmal im Falle von politischen Katastrophen, dannober auch bei einem friedlichen Verlauf der Dinge infolge der fort-schreitenden Emancipation derjenigen Länder, die uns gegenwärtig ihreNahrungsmittel und Rohstoffe im Austausch gegen unsre Fabrikateliefern.
Deutschland bezieht gegenwärtig etwa ein Drittel bis ein Viertelseines Weizenbedarfs und knapp ein Zehntel seines Bedarfs an Roggenaus dem Ausland. Im Fall eines Kriegs foll nun die Gefahr be-stehen, daß uns diese notwendigen Zufuhren abgeschnitten werden unddaß Deutschland infolgedefseu, selbst wenn seine Armeen unbesiegt anden Grenzen stand hielten, wie eine belagerte Festung durch denHunger bezwungen werden könnte. Ich weiß nicht, ob es militärischeAutoritäten giebt, die eine solche Ansicht vertreten, aber ich glaube,daß die Hochachtung vor dem deutschen Militär eine solche Annahmevon vornherein ausschließt. Gerade bei der Gestaltung der deutschenGrenzen ist die Möglichkeit einer nachhaltigen Unterbindung derGetreideznführ so gut wie ausgeschlossen. Wir haben so vieleNachbarn, einmal das große Meer, dann Holland, Belgien, Frankreich ,die Schweiz, Österreich, Rußland , — so daß es gänzlich undenkbarerscheint, daß uns alle die vielen Getreidezufuhrwege zu Wasser undzu Lande auf einmal versperrt werden könnten. Die ganze Weltmüßte gegen uns im Bunde sein, und eine solche Möglichkeit überhauptnur einen Augenblick fest ins Auge fassen, das heißt doch unsrer aus-wärtigen Politik ein grenzenloses Mißtrauen entgegenbringen. Aberselbst wenn die Getreidezufuhr im Kriegsfall wesentlich beschränktwerden würde, so würden wir doch im Inland kaum viel weniger anGetreide lagern haben, als wenn wir alles Getreide im Inland selbsterzeugten. Dafür sorgt schon der Getreidehandel, freilich nur, wennman ihn in Ruhe läßt und ihm nicht durch fortgesetzte Belästigungendie Erfüllung seiner Funktionen unmöglich macht. Aber dieselbenAgrarier, die sich für den Kriegsfall heute schon vor dem Verhungernsürchten, können sich nicht genug thun mit Vorwürfen gegen den Ge-treidehandel, daß er Deutschland mit Getreide überschwemme, und sieverlangen seit Jahren die Aufhebung aller Einrichtungen, die —wie die Transitlager und die Zollkredite — auch nur ein Korn Ge-treide mehr, als dem unmittelbaren Bedarf entspricht, nach Deutsch-land hereinbringen können.