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Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch / von Karl Helfferich
Entstehung
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Die Kanzlerschaft des Herrn Michaelis

Ich hob gegenüber Herrn Michaelis die Bedenken derTrennung des Reichskanzleramtes und des preußischenMinisterpräsidiums hervor; aber ich konnte mich demArgument nicht ganz verschließen, daß die Trennung alseine vorübergehende Ausnahmemaßregel, um den durchdie Reichspolitik voll in Anspruch genommenen Kanzlervon der Last der Durchbringung der preußischen Wahl-reform zu befreien, schließlich hingenommen werden könne.Gegen den Grafen Hertling, der schon bei BethmannsAbgang an erster Stelle in Betracht gezogen worden war,damals aber abgelehnt hatte, sprach sein hohes Alter.Für ihn sprach, daß er als Vorsitzender des Bundesrats-ausschusses für auswärtige Angelegenheiten in der aus-wärtigen Politik kein Neuling war; ferner daß er in denparlamentarischen Kreisen als alter und erfahrener Parla-mentarier ein hohes Ansehen genoß und in dem Zentrum,der stärksten Partei des Reichstags, auf einen sicherenRückhalt rechnen konnte, ein Umstand, der die dringendnötige Wiederkehr einigermaßen stabiler innerpolitischerVerhältnisse erhoffen ließ. Wenn Herr Michaelis alspreußischer Ministerpräsident im Amte blieb, so warüberdies der fatale Eindruck, als ob er den UnabhängigenSozialdemokraten geopfert werde, wenigstens einigermaßenabgeschwächt.

Der Kaiser erklärte sich nach einer Erörterung derinneren und äußeren Lage mit dieser Lösung einver-standen und beauftragte mich, Herrn Michaelis davon

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