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Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch / von Karl Helfferich
Entstehung
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Die Anfänge des Grafen Hertling

sondern vorsichtig umschrieb: ,, Sie alle wissen, in welchgroßzügiger Weise in dem mächtigsten deutschen Bundes-staat die Initiative zu einer weitgreifenden Reform vonder höchsten Stelle aus ergriffen worden ist; ich habejetzt und hier über diesen Gegenstand weiter nichts zusagen." Die Linksparteien konnten diese formelle Korrekt-heit hinnehmen; denn inzwischen hatten sie auf Grundder ihnen in den Verhandlungen über die HertlingscheKanzlerschaft gegebenen Zusagen den Erfolg erreicht,daß dem Preußischen Landtag das Gesetz über dieWahlreform zugegangen war.

Aber nicht nur bei den Sprechern der Mehrheitsparteienfand Graf Hertling ein freundliches Willkommen, sondernauch der Wortführer der Konservativen, Graf Westarp,gab, bei allen Vorbehalten gegenüber den Vorgängen bei derErnennung des Grafen Hertling, namens seiner politischenFreunde ,, der uneingeschränkten Wertschätzung für diePerson des jetzigen Reichskanzlers" Ausdruck.

Auffallend und bezeichnend war die Haltung derMehrheitssozialdemokraten. Sie hatten am stärksten aufdie ,, Parlamentarisierung" der Regierung gedrückt und,wenn sie auch für sich selbst auf eine Vertretung in derneuen Regierung verzichteten, darauf bestanden, daßHerr von Payer als Vertrauensmann der Mehrheitsparteienzum Vizekanzler ernannt wurde. Schon der Verzicht aufden Eintritt eines ihrer Führer in die neue Regierunghatte klar gezeigt, daß die Sozialdemokratie zwar einen

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