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Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch / von Karl Helfferich
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Joffes Tätigkeit in Berlin

russischen Vertretung wurde aufgegeben; Herr Joffe wurdedurch Frühstücke und Diners gefeiert. Mehr denn je hielt mansich an das Wort, das Graf Hertling im Hauptausschuß desReichstags ausgesprochen hatte: ,, Wir sind geneigt, an dieLoyalität der russischen Regierung uns gegenüber zu glau-ben; wir sind insbesondere geneigt, an die Loyalität des Ver-treters der russischen Regierung hier in Berlin zu glauben."

Vergeblich mahnte ich zur Vorsicht. Vergeblich brachteich zum Ausdruck, daß ich nach meinen Wahrnehmungennicht daran zweifeln könne, daß unter Herrn Joffe die rus-sische Botschaft Unter den Linden das exterritoriale Haupt-quartier unserer deutschen Revolutionäre geworden sei. Ver-geblich bat ich, den auffallend starken Kurierverkehr derrussischen Vertretung zu überwachen. Das alles galt nur alsGespensterseherei. Erst kurz vor Ausbruch der Berliner Re-volution gab die mit revolutionären Aufrufen und Flugschrif-ten gefüllte Kiste des russischen Kuriergepäcks, die im Bahn-hof Friedrichstraße den Aufzug hinunterfiel und platzte,den Anlaß, Herrn Joffe zu entlarven und mit der Sowjet-regierung die Beziehungen abzubrechen. Es war zu spät.

Wir wissen heute, daß in der Tat in der Berliner russischenBotschaft von dem ,, loyalen" Herrn Joffe alles geschehenist, um die deutsche Revolution vorzubereiten und zuorganisieren, daß dort unsere Unabhängigen und Sparta-kisten sich Rat, Belehrung und Geld holten, daß dorterfahrene russische Agitatoren und Konspiratoren zurVerfügung gestellt wurden. Unter der blinden und

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