Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

^ZÄöL'li-iÄiz,

konnte nicht fthlc», daß des Lehrers, daß Haydn's Geisti» de» veröffentlichte» Tonschöpfnngcn des Schillershindurchklang; aber bald entfaltete Beethoven's Geniusvoll ureigener Kraft selbstständig seine Töneschwingcn,so in seinem gewaltigen Spiel am Pianvforte, wie inden Kompositionen voll Meisterschaft und hoher Weihe.Er ahmte nicht mehr Haydn nach, nicht Mozart, großund frei wandelte er die von ihm selbst sich gebrocheneBahn zu den höchsten Höhen des in seiner Kunsterreichbaren. Fast jede Gattung der Komposition ver-suchte er, Sonaten und andere Clavicrarbeiten, Messenund Oratorien, Opern und Symphonien. Seine OperMivelio ist ein wahrer Schatzbchalter musikalischen Jdeen-reichthuins, und in seinen Symphonien steht Beethoven noch heute unübertroffen herrlich da. Aber auch demreinen Kuusthimmel, in welchem Beethoven mit denHimmlischen verkehrte, trat irdisches Leid nah, und dieirdische Sorge umwölkte ihn. Eine hoffnungslose, ge-täuschte Liebe, Neider und Anseinder in Menge, unddazu die luuseufeindlichen Unruhen des Krieges erregtenallzumal den Wunsch in Beethoven, Wien zu verlassen.Es winkte sogar ein Ruf des damaligen Königs vonWestphalen znr Capellmeisterstclle au den glänzendenHof von Kassel ; allein drei Kunstmäccne, der Erz-herzog und Cardinal Rudolph , der Fürst Lobkowitz

und Fürst Kinsky vereinten sich, Beethoven für immeran Oesterreich zu fesseln; sie gaben dem großen Künstlereine sorgenfreie Lebensstellung. Geld und Gabenströmten ihm »och außerdem in Fülle zu, theils alsLoh» seines rühmliche» Fleißes, theils als Geschenkevon Fürsten und Gesellschaften; er ward mit Ehrenüberhäuft. Aber alles Glück, welches das Leben ihmbot, ward getrübt durch das Unglück, taub zu werden,tanb zu bleiben. Und dann war Beethoven einMusiker und kein Nechnenkünstler er achtete daSGeld nicht, sparte nicht, sammelte nicht; so wurdenauch durch manche Verlegenheiten die hellen Sonnen-tage seines Künstlerlcbeus verdüstert, und Mißmuth,Menschenscheu, wie die Neigung zum Bizarren erfaßtenihn. Etwas von diesen Stimmungen ging denn auchin seine letzten Werke über; auch äußerlich vernach-lässigte er sich, doch blieb seine Natur stets rein undedel, wohlwollend und menschenfreundlich, er blieb biszum letzten Hauch ein Hvhcrpriester seiner Kunst. Großwar die Klage und die Trauer um den geschiedenen;die geistvollsten Schriftsteller und die gründlichstenKenner haben seine zahlreichen musikalischen Schöpfungennach Verdienst gewürdigt, und sein Ruhm ist noch ganzderselbe, der er vor einem Vierteljahrhundert war, alsLudwig van Beethovens Lebensstern erlosch.