Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Zcugungs- und Erneuerungskraft in einzelnen Thier-geschlechtern u. dgl. gaben den größten Philosophenneue Stoffe zum Nachdenken.

Blumenbach's Knochenlehre und seine vergleichendeAnatomie machten Epoche. Die medieinische Wissen-schaft bereicherte Blumenbach außerdem durch Psycho-logische und physiologische Schriften über Heimweh,Selbstmord u. a.

Einzig in seiner Art stand Blumcnbach als aka-demischer Lehrer da, eben so kernhafr tüchtig, eine ächtdeutsche Natur, als originell, humoristisch, witzig, allen,die ihn hörten, unvergeßlich. Seine Vorlesungen warendie besuchtesten, stets zog er durch seinen Vertrag, durchseine Persönlichkeit an, stets war er heiter und dabeistets würdevoll; er war ganz der Mann des Katheders,ein Olympier auf goldenem Stuhle, voll antiker glühe.Seine Sprache war deutjch, bisweilen derb, allver-ständlich, nicht geschraubt und wundersam verdrcchselt,gleich der so mancher neueren Modcphilosophen. Hundertund aber hundert seiner Scherze leben noch im Mundedankbarer Zuhörer. Manches traf sein sarkastischerSpott, so die Wettcrprophezeihungen. «Meine Herren!«sprach er wohl öfters mit seiner tiefen und eigenthüm-lichen Stimme, «ich will Ihnen ein untrügliches Wit-terungszcichen sagen, prägen Sie sich's tief ein. Wennfrühmorgens der Hahn tritt auf den Mist > undkräht so wird es anderes Wetter oder es bleibt,wie cS ist.»

Alle möglichen Ehrenbezeugungen von Seiten dergelehrten Welt wurden dem gefeierten Naturforscher zuTheil; er wurde Mitglied aller Acadcmien; Orden undTitel schmückten ihn, Könige und Fürsten besuchten ihn.König Georg von Großbritannien äußerte, er habenie einen bedeutenderen Mann gesehen, als Blumenbach.Vielfach ward sein Rath, seine Empfehlung erbeten,und wen Blumcnbach empfahl, der war gut em-pfohlen. Hunderten seiner fleißigen Zuhörer half einBrief vom «alten Blumcnbach» zu erwünschten Stellen.Fossilien, da und dort aufgefunden, wurden ihm ge-sandt, er bestimmte sie richtig, so um nur ein Beispielzu nennen, die Höhlenbärenknochen der Glücksbrunner

Höhle zwischen Altenstein und Liebenstein. Als Sammlerhatte Blumenbach Goethe's Glück und Taktik.

So gelangte der wackere Alte zu hohen Greisen-jahren. Er war Heine's Schwager geworden, warkönigl. großbritannischer Hofrath, Ritter der Ehren-Lcgion, Commandeur des Guelphenordens (andererauswärtiger Orden nicht zu gedenken), Obermedici-nalrath, Obcraufseher des königl. Museums u. s. w.Am 19. September 1825 feierte er sein Doetor-fubiläum, am 26. Februar 1826 sein Amtssubi-läum; zahlreiche Bildnisse von ihm erschienen. Die zuseinem Doctorjubiläum auf Anlaß deutscher Natur-freunde geprägte Medaille zeigte auf dem Avers seinProfilbild, auf dem Revers die drei Schädel der Haupt-racen, mit der Inschrift: blaturae interpreti osss logutfullenti pll^siosoplüli ^ei-maniei. v. 19. 8spt. 1823.Ein Stipendium wurde begründet und nach Blumenbachbenannt, und der gefeierte Jubilar mit sonstigen Ehren-bezeugungen überhäuft.

Eine eiserne Gesundheit, die nur wenige Störungenerlitt, unterstützte Blumenbach's uncrmüdetes Wirkenals Forscher, Lehrer und Schriftsteller; es war Har-monie in seiner ganzen Natur, in seinem innerstenWesen, wie bei Goethe, dieß erklärt das geistige frisch-bleiben bis zu hohem Lebensalter; nie bediente er sicheiner Brille; seine Handschrift war fest, doch wechseltesie und näherte sich in spätern Jahren bedeutend derUnleserlichkeit, wovon eine Lähmung des rechten Schreibe-fingers die Ursache war, denn nun schrieb er mit derlinken Hand. Im 87. Jahre schrieb er wieder mit derrechten Hand, und schöner wie zuvor. Erst im 88. Jahrenöthigte ihn Altersschwäche, dem Lehrstuhl zu entsagen.Diese war es auch, die nach schnellem sinken der solange der Welt zu gute gekommenen Lebenskraft ihmdie Fackel löschte.

Die berühmte Schädelsammlung wurde um hohenPreis von der königlichen Regierung angekauft undmit dem Göttinger Museum vereinigt. Dauernd wirdBlumenbach's Andenken als eines der bedeutendstendeutschen Naturforscher fortleben.