Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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Gefängnisse, Irrenhäuser, Schulen und verglich die Schädelmit den Wahrnehmungen zu Tage kommender Ideen,Neigungen, Leidenschaften und Talente.

Nachdem nun der unermüdliche Forscher die Grund-kräfte des Geistes und einige 20 Organe der Gehirn-schale gefunden, durch welche nach seiner Ansicht dieseersteren äußerlich wahrnehmbar sein sollten, begann er1700 Privatvorlesungen über seine Entdeckungen, diesich zahlreichen Besuches erfreuten, denn es war etwasneues, anziehendes, lehrreiches. Menschen aus allengebildeten Ständen besuchten Gall's Vorlesungen undseine Vortrüge waren der Gegenstand der Gesprächeund Unterhaltungen. Sie dauerten durch 8 Jahre,aber mit cincmmalc wurden sie auf höchsten Befehluntersagt und geschlossen; es schien ein schädlicher Stoffin der Lehre von den Köpfen enthalten, es wurdedabei zu viel denken entwickelt, und es hat Zeiten undStaaten gegeben, in denen das viele denken durchausfür polizeiwidrig erachtet wurde.

Galt gab seine glänzende Praxis in Wien auf; esdrängte ihn, der Apostel seiner neuen Lehre in andernLändern zu werden, wohin sie ihm bereits vorausgedrungen war. Ein gleichgesinnter Freund, vr. Spurz-heim, schloß sich Galt an, und 1808 wurde Wien vonbeiden verlassen. Sie durchreisten innerhalb dreier JahreDeutschland und hielten in öffentlichen Hörsälen wie inPrivatkreiscn Vorlesungen, welche überall sehr besuchtwaren und der Schädellehre viele Anhänger und Gläu-bige gewannen, nur war gleich die BezeichnungSchädellehrc, welche Galt selbst nicht gut hieß, vonvorn herein die unrichtigste Benennung für die Sache,denn es war die Lehre vom Gehirn bezüglich der indemselben und durch dasselbe sich entwickelnden Denk-kraft und dem ganzen geistigen Sein des Menschen,welche nur durch äußere Organe an der beinernenDecke des Gehirns, dem Schädel, sich äußern und durchdiese deren stärkeres oder schwächeres Entwickeltseinwahrnehmbar machen und erkennen lassen sollte. Dank-bare Zuhörer Berlins ließen zu Ehren Gall's 1805eine silberne Medaille prägen, auf der ein Schädel mitBezeichnung der Gall'schen Organe dargestellt ist.

Das wissenschaftliche Publikum knüpfte an die LehreGall's sehr große und kühne Hoffnungen, deren Er-füllung nicht minder wissenschaftliche Gegner, an denenebenfalls kein Mangel war, stark in Zweifel zogen, undes scheinen diese Gegner recht behalten zu haben, dennwie geistvoll immer Gall's Lehre erscheint, einen prak-tischen Nutzen hat sie nicht gebracht, so viel sie auchBewunderer fand, und namentlich in Frankreich , inParis , wo Galt von 1808 an als ausübender Arztweilte, ebenso in London, wohin Spurzheim schon1814 reiste, dann mit Galt 1823, während in Deutsch-land die Sache fast verschollen und vergessen war. Galtgab mittlerweile ein großes Hauptwerk über seine Lehrein französischer Sprache heraus, nachdem er vorher mitSpurzheim gemeinschaftlich mehrere andere gründlicheSchriften hatte erscheinen lassen. Dabei waren seineäußeren Verhältnisse sehr angenehm; er besaß nahe beiParis einen schönen Landsitz, die Villa Montrouge , unddaselbst starb er im 70. Lebensjahre. Man hat be-hauptet, Gall's eigener Schädel sei völlig andersgebaut und gebildet gewesen, als die Anhänger seinerLehre nach Gall's eigenen Fähigkeiten, Thätigkeiten undGeistesrichtungeu hätten vermuthen lassen.

Auch in Schottland fand die Lehre Gall's undSpurzheim's Anklang, man gab ihr dort einen geeig-neten Namen, nannte sie Geisteslchre: Phrenologie.Die Engländer glauben ungleich mehr an die Untrüg-lichkeit dieser Lehre, als die Deutschen ; sie benutzen siesogar als Richtschnur bei der Erziehung der Kinder.Seit einem Jahrzehcnt tauchte auch in Deutschland diePhrenologie wieder auf; ein Engländer, G. Combe ,brachte sie über den Canal wieder herüber; in neuesterZeit ist Dr. Gustav Scheve ihr eifrigster und ein sehrbegabter Jünger. Dennoch wird die Phrenologie nieein Eigenthum der Menge werden; sie erheischt philo-sophische, physiologische und psychologische Vorbildungund Kenntniß; und so wird sie als Wissenschaft denNamen Gall's der Nachwelt überliefern und als dessenfortlebendes Denkmal zu betrachten sein, aber prak-tischen Nutzen wird auch sie nicht gewähren.