Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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zu machen, daher entstanden auch seine Briefe über denguten Geschmack, und alles au und von ihm athmetedie persönliche Liebenswürdigkeit des feingebauten, liebe-vollen und freundlichen jungen Gelehrten, dem sich ineinem seltenen Maße das Vertrauen ihm ganz unbe-kannter Menschen zuwandte. Seine Lehren der Moralbestätigte Gellcrt durch den eigenen sittenreinen Wandelund durch ein Herz voll Güte, Schonung und Menschen-liebe. Er begründete mit den Freunden die Zeitschrift:«Bremer Beiträge», gab seine Fabeln heraus, welchedurch die schlichte einfache Sprache, Empfindung undFrische allgemein ansprachen, versuchte sich auch dochmit minderem Glück im Lustspiel, Schäferspiel und imNoman, gab auf Rabcner's Anregung Briefe überBricfstyl heraus und blieb dabei zwölf Jahre hindurchPrivatdocent. Endlich gelang es ihm, 1751 eine außer-ordentliche Professur mit hundert Thalern Gehalt zuerlangen, das war damals schon etwas großes. Leiderraubte ihm der siebenjährige Krieg bald genug diesesbescheidene Glück, welches ohnehin durch die Gellcrtmehr und mehr beherrschende Hypochondrie getrübtwurde. Er bestand Körper- und Seelenqualen zugleich,die Natur seiner furchtbaren Krankheit raubte ihm deninnern Frieden, füllte sein Gemüth mit Traurigkeit undseinen Schlummer mit ängstigenden Träumen. Gellcrtwurde unzugänglicher und kämpfte vergebens mit Bade-kuren und anderen Heilmitteln gegen sein Leiden. Ergab diesen sogar eine dauernde Sichtbarkeit, indem ersie geistig mit dem Buche: «Von den Trostgründenwider ein sieches Leben» überwand. Auch litt er keinen

Mangel; Geschenke und Aufmerksamkeiten aller Artströmten ihm aus vielen Gegenden zu. Gelleres Lehrender christlichen Moral, Tugend und Weisheit, seinereligiösen Gedichte, denen der eigentliche kirchliche Cha-rakter zwar fehlt, die aber harmonisch mit den, Gefühlder leidenden zusammenklangen, fanden einen Wiedcrhallin allen Herzen; er wurde der Mann, der Dichter, derFreund des Volkes, seine Schriften fanden ungemeinviel Verbreitung. Prinz Heinrich von Preußen schenkteihm ein Pferd, und selbst König Friedrich II. unterhieltsich mit ihm über die deutsche Literatur und fand soviel Wohlgefallen an ihm, daß er ihn gegen seineUmgebung den vernünftigsten aller deutschen Gelehrtennannte, von denen er nicht viel hielt. Auch der kur-fürstliche Hof von Sachsen ehrte Gellcrt und sorgtenach wiederhergestellten Frieden für eine anständigeGehaltserhöhung, die der rührend bescheidene Mannkaum annehmen wollte. Doch alles dessen konnte ersich nicht lange erfreuen, die Natur eilte mit dem siechenLeibe zu Ende, und nach einem Besuche in der Heimath1769 ging er unter Gebet und Segnungen im FriedenGottes als ein frommer und getreuer Knecht ein zuseines Herrn Freuden. Ganz Sachsen, ganz Deutsch-land trauerte um ihn, beklagte aufrichtig des EdclnScheiden und er wird unvergessen bleiben durch dieGesinnung, die er lebend und sterbend bewährte, wennihn auch nicht die Geistes-Schwingen eines Klopstock,Schiller oder Goethe zum Tempel unsterblichen Nach-ruhms trugen.