Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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zu empfinden, das geliebte Vaterland zu verlassen. Daindeß seine vorwaltende Neigung, wie nicht minderseine hohe Begabung und ausgezeichnete Wissenschaftihn mehr und mehr zum Dienst im Tempel Urania'sgeweiht, wurde er endlich 1826 Professor der Astro-nomie au der Universität München . Gruithuisen'sHauptbestrebcn in der neuen, erwünschten und günstigenStellung war hauptsächlich dahin gerichtet, die Beschaf-fenheit der Oberfläche der unserm Planeten am nächstenstehenden Planeten, wie des Mondes und der Sonnenäher zu erforschen, und da das lohnendste Ziel solcherForschung im Trabanten unserer Erde zu winken schien,so wurde dieser Hauptaugenmerk des Münchner Astro-nomen, der im nahen Ncuberghausen auf hohem Pla-teau mit umfassendstem Horizont in günstigster Lage fürastronomische Wahrnehmungen > wohnte.

Der Eifer, mit welchem Gruithuiscn seine seleno-graphischeu Studien verfolgte und in Schriften veröffent-lichte, war stark und lebendig, aber hier nun war es,wo der verdienstvolle Astronom in den Fehler zahlloserForscher verfiel, das zu sehen, was sie sehen wollen.Er hielt die feinen, viele M-llen weit über die Mond-fläche geradlinig sich hin erstreckenden schmalen Rillenfür Kunststraßcn der Mondbewohner, wollte im MondFestungen entdeckt haben u. dgl., und stellte so selbstseinen geachteten Namen im Auge der Kundigen nebenden eines bekannten phantasievollen Freiherrn, wie erdie Satyre und Ironie herausforderte, die auch nichtauf sich warten ließ, sondern in der Flugschrift einesPsendo-John Herrsche! die Kundigen belustigte, unddie Albernen und Blindgläubigen, deren Zahl in Sachender Wissenschaft stets Legion ist, lange genug am Nar-rcnseil humoristischer Täuschung führte.

Trotz mancher aus diesem Irrthum entspringendenVerhöhnung blieb Gruithuiscn dennoch seinen Forschungenbeharrlich treu bis zum Lebensende, und leistete wesent-liche Dienste in dem von ihm mit so viel Liebe erfaßtenBerufe. Als Arzt und Philosoph hatte er durch seine

Schriften über Naturgeschichte, Anthropologie, Physikgnosie und Selbsterkenntniß, Organozoonomie, einlei-tende und vorbereitende Studien über Chirurgie u. s. w.schon treffliches geleistet; ja sogar ein wichtiges undpraktisch nützliches chirurgisches Werkzeug erfand Gruit-huisen, und die Pariser Akademie erkannte diese Erfin-dung durch eine Belohnung von 1000 Francs an.Als Astronom und Physiker verfaßte er eine Natur-geschichte des gestirnten Himmels, Analekten zur Erd-und Himmelskunde, ein astronomisches Jahrbuch, undwirkte dauernd anregend und weiterfördernd auf seineSchüler, wobei die trefflichsten Instrumente aus denberühmten optischen Werkstätten von Frauenhofcr, Uz-schneider und Reichenbach in München ihm wesentlicheDienste leisteten.

Was auserwählte und berufene Geister vor ihmschon gcähnet, die Beseelung der Körper im Makro-kosmos an sich, und deren Bevölkerung gleich dem ir-dischen kleinen Planeten mit geistbegabten Naturen, lebteals Gewißheit auch in dieses Forschers Seele und Ueber-zeugung, daher die Geneigtheit, dem Mond zunächstBewohner zuzuschreiben mit irdisch technischen Fertig-keiten, freilich nur eine geniale Hypothese, denn jederWeltkörper ist vom andern so wesentlich verschieden,daß kein menschlicher Gedanke das richtige seiner körper-lichen Beschaffenheit und vielleicht geistigen Bevölkerungzu ahnen vermag.

Gruithuiscn genoß ein schönes Leben und erreichte,mit dem Glück voller Lebenskraft bis zum hohen Alterbegabt, ein ziemlich spätes'Ziel im 79. Jahre seinesAlters. Mit Ruhe blickte er zu den Sternen empor,bevor seine Seele zum Aether ausschwebte, mit Ruhestarb er. Einer der begabtesten Schüler Schwanthaler's,Bildhauer Riedmüller, modellirte Gruithuisen's Büstevoll Ernst und gediegener Auffassung, die das körper-lich-stattliche und geistig geadelte der irdischen Hülledes Verklärten in sich vereinigt.