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Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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er sich »ach dem ihm lieben Fraustadt begab und sichdort mit Rosine Deutschländer verheirathetc, die ihmauch dort den Sohn Christian schenkte, welcher späterals Dichter in des Vaters Fnßtapfen wandelte, alsLyriker ihm nahe kam, aber ihn nicht erreichte.

Andreas Gryphins liebte seine Heimath und Frau-stadt so sehr, daß er verschiedene Professuren, die ihmin Heidelberg, Frankfurt a. d. O., ja in Schweden an-getragen wurden, als sein Ruhm sich verbreitete, aus-schlug. Er nahm vielmehr das Amt eines Landschaft-syndicus bei den niedcrschlesischen Landständen an, undin Glogan seinen Sitz. Dieses Amt mußte ihm an-ziehend erschienen sein, da sein Gönner Dr. Schönbornerdasselbe ebenfalls bekleidet hatte, und vielleicht verspracher sich denselben glänzenden Lebensweg voll Ehren undWurden, den das günstige Schicksal jenen Mann ge-führt; nächstdcm vergönnte das Amt die Muffe für dieMuse,welcher er ein treuer Jünger blieb. A. GryphinsDichtcrleben fiel in die traurige Zeit, iu welcher derdreißigjährige Krieg Deutschland verheerte; die Künstehatten den allcrschwcrstcn Stand, das Schauspiel zumalstand noch auf ziemlich tiefer Stufe; herumziehendeBanden hatten es in ihrer Hand, oder es warSchüler- und Stndenteneomödie; letztere Darsteller kamennicht aus der steifen, zum Theil frömmelnden AllegorieloS, ersteren hing noch aller Jammer der Trivialitätan. Gryphins, voll Kraft, Genialität und Kenntnißversuchte eine umwandelnde Läuterung, und sie gelangihm, wenn nicht vollständig für die darstellende Bühnen-welt, doch für die dramatische Literatur. Gute Muster

schwebten ihm vor, von den Römern wohl am meistenSeneca, von den Holländern Heinsius.

Gryphius schuf der deutschen Bühne den Pompder Rede, er schuf das theatralische Pathos. Dernaturwüchsigen Kraft der bisherigen Bandenbühnesetzte er die Regelstrenge empfindungvoller aber hand-lungloser Stücke entgegen, und so machte er als Kunst-dichter mit Recht Epoche, als Bühnendichter aber wederbei den Schauspielern seiner Zeit, noch bei demPublikum Glück; er ward gelesen und anerkannt, aberseine Stücke wurden nur selten aufgeführt. Die Sprachederselben war kräftig, ja oft überkräftig, schwungvoll,Phantasiereich. Die noch am meisten volksthümlich ge-haltenen Stücke von Gryphius sind: «Peter Sguenz»und «Horribilicribrifar». Das erste geiselt die Bcttel-pocsic jener Zeit, in der fast jedes Anstcllungsgesnchvon Pfarr- und Schulamtscandidaten in griechischenoder lateinischen Versen geschrieben ward, das zwciredie soldatische Prahlhansigkeit, welche zur Mutter derstudentischen Nenommisterei auf den Hochschulen wurde.Obschon Gryphius auch einige Stücke des Auslandesübertrug, begründete er dennoch die Unabhängkeit desdeutschen Drama's von dem Ausland und steht beiallen sNängeln seiner Stücke als Lichtträger an derTcmpelpforte der vaterländischen dramatischen Kunst.Mitten in seinem Amtsberufe ereilte den Dichter derTod. Er starb an einem plötzlichen Schlaganfall ineiner Versammlung der Landschaft auf einem Fürsten -Tage als Mitabgeordneter in den Armen seiner College».