Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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und Schwerfälligkeit der sprachlichen Wendungen wie«»poetische Ausdrücke in diesem Gedicht uns auffallen,so haben wir darin Mangel der Zeit zu erkennen, inwelcher Halber dichtete; die deutsche Poesie hatte sichvon ihrer Vorliebe für die Allegorie, für ein Ueber-maß von Bildern und Vergleichungcn noch so wenigals von den Traditionen eines einförmig schleppendenVersbaues frei gemacht. Halter war wahrhaft beschei-den, so daß er, so viel er auch gedichtet hat, und sogroßen Beifall auch seine didaktischen und lyrischen Ge-dichte bei den Zeitgenossen fanden, diese in späterenJahren selbst nicht sehr hoch stellte. Auch im Romanversuchte er sich, noch dazu im politischen und geschicht-lichen, und stellte in seinem Usony die Vorzüge derHerrschaft eines unumschränkten aber tugendhaften undeinsichtsvollen Monarchen dar. Als Philosoph und Kri-tiker lieferte Hakler selbstständigc Abhandlungen sowieungcmcin viele Beiträge in Zeitschriften. Nachdemer von seinen botanischen Reise» 1729 in seine Vater-stadt zurückgekehrt war und dort als ausübender Arztin glücklicher Thätigkeit wirkte, wurde ihm, währendsein Ruhm Europa überflog, die nachgesuchte Stelleam dortigen Jnselhospital verweigert, weil er einDichter sei. Halter suchte um eine Professur derBeredsamkeit nach, und wurde abschläglich beschicken,weil er ein A>rzt sei. Doch gelang ihm endlich1731 die Einrichtung eines anatomischen Theaters inBern, an dem er unentgeltlich öffentliche Vorlesungenhielt; auch übertrug man ihm die Leitung der Stadt-bibliothek. Mittlerweile strömten ihm Ehrenbezeugungenund Ancrbietungcn vom Ausland zu; und unter diesenwar der Ruf an die ncubegründete Hochschule Göttin-gen als Professor der Arzncikunde, Anatomie und Bo-tanik so glänzend, daß Halter ihm 1736 Folge leistete.

Dort verlor er bald und rasch hintereinander die geliebtenoch junge Gattin und den erstgeborenen Sohn;nur das ernste Vertiefen in die Wissenschaft konntedie Wunden seines Herzens heilen. Halter wurde dasleuchtende Gestirn der jungen Georgia Augusta; erwurde Göttingens Bocrhaavc. 'Auch dort begründeteer ein anatomisches Theater, richtete den botanischenGarten ein, entwarf den Plan zur Societät der Wissen-schaften, welche er als Präsident 1731 eröffnete, lehrteund schrieb mit unermüdlicher Ausdauer, wurde fastvon allen gelehrten Gesellschaften und Akademien Eu-ropas zum Mitglied und vom König zum königlichgrvßbritannischen Leibmedicus, Hosrath und endlich zumStaatsrath ernannt. Der Kaiser erhob ihn mit allenNachkommen in den Reichsadclstand. Neue Berufungennach Utrecht, nach Orfvrd, nach Berlin, schlug er aus.Seine Vaterstadt, welche Halter 1715 besuchte, ehrtenun ihren berühmtesten Sohn durch die Ernennungzum Mitgliede des großen Rathes, und zum Am-man », was ihm erwünscht war, denn er sehnte sichnach einem minder beschäftigten Wirkungskreise und ausvielfachen Anfeindungen und Kabalen heraus. ImJahre 1753 zog Halter wieder nach Bern , behielt seineakademische Pension und seine Präsidentenstelle bei derköniglichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen ,wurde mit gutem Gehalt Direktor schweizerischer Salinen,und mit noch manchen Ehrenämtern betraut. Bis zuseinem Tode blieb Halter wirksam und thätig nach un-endlich vielen Richtungen hin, ein treuer und liebevollerFamilienvater, ein Mann voll Religion und vom gedie-gensten Charakter. Die rühmende Stimme der Nachwelthat Halter einen zweiten Leibnitz genannt, und universelleKenntniß, gediegener Fleiß und hohe Begabung stellenihn diesem allerdings würdig zur Seite.