und wenn dies Dichterwerk sich auch nicht wörtlich beiKaiser Joseph ll. erfüllte, so fand er doch überall denunglaublichsten Widerstand, die schrecklichste Verdammungund den schonungslosesten Tadel. Pfafshcit und Adelerhoben sich gegen den Reformator mit dem Christus-herzen; Volksaufständc wurden erregt in Ungarn , inder Wallachei, in Belgien , und während viele Bürgerund geringere Unterthanen Joseph anbeteten, erhobder Fanatismus bevorzugter Stände rebellisch dasHaupt gegen seinen Herrn und Kaiser. So wurdeJvseph'S Tagewerk ein schweres, nicht zu bewältigendes,sein Rcgcntenleben ein Kamps gegen die Macht, welcheder Zeit still zu stehen gebieten wollte und die Sonnein ihrem Laufe hemmen. Das edelste Streben fürMenschcnwohl und Menschcnbcglncknng scheiterte an ver-rotteten Vornrtheilen, das heilige Siegel der Humani-tät, mit welchem Joseph II. seine Handlungen stem-pelte, wurde zerbrochen. Der sanfte, milde und gü-tige Regent hatte nicht die energische Kraft durchzu-führen mit eiserner Faust — und der Hpdra, die sich ihmentgegcnbänmte, die Kopse abzuschlagen, und ihreRumpfe zu brennen. Tausend Erinnerungen vomKaiser Joseph leben noch im Volke; schöne, rührende,herrliche Züge und Zeugnisse seines edlen Wollcns,seines sittlich hohen Charakters; Reden und Handlun-gen, mit denen man Bücher gefüllt hat.
Manch großer Schmerz trat prüfend zu des jungenKaisers Herzen. Seine erste, von ihm heiß geliebteGemahlin, Jsabctta, Herzog Philipps von ParmaTochter, riß ihm der unerbittliche Tod in ihrem zwei-ten Kindbette von der Seite. Zum zweiten male ver-mählte sich Joseph mit der Tochter Kaiser Karl VII.,Maria Josephs von Baiern, und auch aus dieser Eheblieb er erbenlos.
Eine Reise nach Paris im Jahre 1777, eine zweitenach Rußland 1780 ließ den Kaiser tiefe Blicke indas geheime diplomatische Leben der Cabinete thun,und er faßte manchen hochherzigen Entschluß, dasWohl seiner Staaten zu verbessern. So ließ er für
^ achtzehn Millionen Gulden Staatspapierc, die ervon seinem Vater ererbt hatte, verbrennen.
Wie sein hohes und würdiges Vorbild, KönigFriedrich II. scheute auch Kaiser Joseph II. die Bevor-mundung des Regenten durch Minister; er hatte denfesten Willen, sein Volk und sein Land glücklich zumachen, und glaubte dies auch ohne den Beirath „ge-treuer Stände" zu vermögen, denn sein Blick war hellund klar, sein Wollen das lauterste, doch blieb dabeimancher Misgriff nicht vermieden, wohin u. a. dieBegünstigung des Nachdrucks unbedingt zu rechnen ist.Aber von den wichtigsten Folgen und Erfolgen warenzahlreiche Verbcsserungsmaßregeln in Staat und Kirche,in Rechtspflege und Gesetzgebung, im Finanz- undStenerwesen, wie in der Militairvcrwaltung, und den-noch regte sich vielfacher Widerspruch, der sich in man-chen Landesthcilen zum offnen Aufruhr steigerte undTrnppcnanfbietung nöthig machte. Heftige Gemüths-bewegungen in Folge dieser unseligen Ereignisse er-schütterten den Kaiser — er fühlte das Flügclwehen desTodcsengels, schrieb noch mehrere rührende Abschiedbriefean den Fürsten Kaunitz und an die Fürstinnen Franzund Karl Lichtenstein, Kinsky und Klary, Freundinnen,deren heiter geselliger Umgang sein Leben verschönernhalf — und starb als Christ in gottergebener Ruhe.
Kaiser Joseph erlag dem innern Seclcnkampfe, demSchmerz, sich nicht verstanden zu fühlen, das edelsteStreben für die Menschheit, deren Schätzer er selbstsich nannte, miskannt und misdeutet zu sehen. Manhat von Gift gefabelt, das seinen frühen Tod herbei-geführt haben soll, was brauchte es des Giftes? Un-dank, Vcrkennung, Verläumdung sind fressende Giftean weichgestimmtcn fühlenden Herzen, ihnen widerstehtnur ein starker muthvoller Geist, dem es gegeben ist,zu zertrümmern, was ihm feindlich in den Weg tritt.Solche Geister sind aber nicht zu Segensengeln für dieMenschheit berufen, und ihnen weinen Nationen nichtThränen der Liebe nach, wie sie Kaiser Joseph II. nachge-weint wurden von denen, die sein Wollen klar erkannten.