Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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andauernde Friedensdicnst sagte indeß Kleist's feurigemund vielleicht auch etwas unstätcm Gemüth nicht zu,er nahm seinen Abschied 1740 und stellte sich unterdie Fahnen König Friedrich's II. , wurde Lieutenant imNegimente Prinz Heinrich zu Potsdam , und machtemit diesem die Feldzügc mit. Es wird angeführt, daßKleist vor seinem Eintritt in den Dienst der preußischenWaffen ein süßes Verhältniß mit einem edlen Mädchen,Wilhelminc von der Holz, im polnischen Preußen ange-knüpft habe, daß er aus dem ausländischen Kriegsdienstin den vaterländischen berufe» worden sei, und imGarnisondienst ein Duell für eine beleidigte Dame be-standen, das ihm eine tüchtige Armwundc zuzog. Da-rauf hörte Gleim von ihm, der damals in Potsdam lebte, besuchte ihn, und erheiterte ihn durch Vorlesungeines Gedichts so gewaltig, daß Kleist's Wunde aufsprangund ein sehr starker Blutverlust erfolgte. Gleim's freund-licher und theilnehmcndcr Pflege und Anregung dankteKleist neuen frischen Lebensmuth, dessen er wahrhaftbedurfte, denn seine Geliebte gab ihre Hand einem an-dern die alte Geschichte, die doch ewig neu bleibtund nur der Hcilkuß der Poesie vermochte den herbenSchmerz des Dichters zur Wehmuth zu verklären. Sieblieb ihm die treue Geliebte, sie säuselte ihm den«Frühling« in die wunde Seele. Das schöne Gedicht,anfangs nur für Freunde gedruckt, erschien 1746,in welchem Jahre Kleist zum Hauptmann aufrückte;die Bekanntschaft Ramler's machte Kleist 1749. EineSendung als Werbeoffizicr führte den Dichter nach denGefilden der Schweiz und zu Bodmer, aber er sah sichnicht angenehm von diesem und dessen poetischen An-hängern berührt. Es war der schroffe Cliquengcist,der jede ächte Dichternatur auf das äußerste verletztund abstößt, selbst dann, wenn er sich herabläßt, sieanerkennen zu wollen. Und Ramler, wie begabt undliebenswürdig er immer war, beging an Kleist ebenfallsein großes Unrecht, er nahm sich heraus, dessen Früh-ling umzuarbeiten ein Unternehmen, zu dem voneiner Seite viel Keckheit, von der andern, dergleichenzu ertragen, eine himmlische Sanftmuth gehört.

Im Gemüth des Dichters sollte der Frühling nichtallein erblühen, er wollte auch den Sommer und diebeiden andern Jahreszeiten in seiner Weise singen, alleindazu kam es nicht; es war überhaupt damals keinerechte Zeit für die deutsche Poesie in Preußen . Kleistfühlte dieß innerlich tief und schmerzlich, so sehr er dengroßen König verehrte man wollte keine deutschenDichter, man fand nur Gefallen an den französischenGauklern, und so war es nicht zu verwundern und

nicht zu verargen, daß Kleist sich ganz und gar inandere Stimmung und Stellung sehnte, obschon es ihmnicht an mancher kleinen Auszeichnung fehlte. Er er-sehnte eine Oberforstmeisterstellc; in den Wäldern, sohoffte er, würde ihm wohlcr werden, würde seinewankende Gesundheit sich kräftigen. Er wurde abernicht Oberforstmeister, sondern 1786 Oberstwachtmeistcrund später Major, kam zur Besatzung nach Leipzig ,und schloß mit Lesflng, Gellert und Felix Weiße denFreundschaftbund, nachdem er zu Zittau im Winter-quartiere müssig gelegen und Zeit gehabt hatte, Idyllenzu dichten. Von da an nahm Kleist's Kricgerlebenthätigeren Umschwung, denn bisher hatte es ihn nichtnach Wunsch zu Thaten geführt, sie immer nur erhoffenlassen; auch jetzt mußte er noch lange in Leipzig einFeldlazarcth überwachen, bis endlich im Jahre 1738die Palme Bellona's winkte. Kleist machte die Schlachtbei Hochkirch mit, die er nicht für eine Schlacht geltenlassen wollte, und fand manche Gelegenheit, sich durchpersönliche Tapferkeit auszuzeichnen, so im Herbstfeldzugeum Dresden und sonst, bis der blutige Tag von Ku-nersdorf herbeikam, an welchem Kleist, als zweiterStabsoffizier beim Regiment, hinter der Fronte haltend,von vielen matten Kugeln getroffen ward, deren An-prall er aushielt, obschon zwei derselben ihm zweiFinger der rechten Hand zerschmetterten. Da fiel derCommandeur; Kleist sprengte vor an die Spitze desCorps, und stützte noch einen jungen Fahnenträger,als ihm eine Flintenkugcl in den linken Arm flog;noch hielt er sich und sprengte vorwärts, aber dreiKartätschenkugeln zerschmetterten ihm jetzt den Schenkelund warfen ihn vom Roß. «Kinder, verlaßt euernKönig nicht!» rief er noch sinkend seinen ihm zu Hülfeeilenden Kameraden zu. Die Schlacht tobte fort; Ko-saken überfielen den Verwundeten, plünderten ihn aus,warfen ihn in einen Sumpf, und ließen ihn hülflosliegen. Russische Husaren fanden ihn, zogen ihn aufsTrockne, erquickten ihn und verließen ihn wieder. Wiederplündernde Kosaken dann spätere Rettung durcheinen Offizier und endlich in Frankfurt an derOder , zwar in gastlicher Pflege, aber in Folge der argvernachlässigten Wunden der Tod.

Schmerzlich fühlten die Freunde den Verlust desedeln, leider im Leben und durch das Leben nur wenigbeglückten Dichters. Es ward ihm ein ehrenvolles Be-gräbnis; zu Theil; Dichter und Dichterinnen feierten seinAndenken in Liedern, und neben Uz und Gleim, Ramlerund Hagedorn klingt sein Name rühmlich fort.