Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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Wolfenbüttcl oft genug zur Herzogrefidcnz herüber kam.Leisewitz trat zwar als Sachwalter auf, blieb aberseinem innern Dränge treu, begeisterte stch an Lcssing'sTrauerspiel «Emilia Galotti», und als die Unternehmerdes Hamburgischen Theaters: Sophie Charlotte Acker-mann und Friedrich Ludwig Schröder , einen Preisvon 20 Louisd'or für das beste Trauerspiel aussetzten,dichtete Leisewitz seinen «Julius von Tarcnt». Er er-hielt den Preis nicht, Klinger empfing denselben fürdie «Zwillinge », allein das unbestochene Urtheil derNachwelt erkannte Leisewitz einen unendlich höhernPreis zu, als jenen des Goldes. Schon Lesfing be-grüßte das Stück mit großer Freude, und glaubte, daes 1770 ohne Namen des Verfassers, ja man sagt,sogar gegen dessen Willen, zu Leipzig im Druck er-schien, es sei von Goethe, und empfahl den Dichter,nachdem er ihm persönlich bekannt worden war, mitWärme an seinen Bruder und seine Freunde in Berlin .Dort wurde «Julius von Tarcnt» mit großem Beifallwiederholt aufgeführt, und dadurch die Seelenwundedes Dichters einigermaßen geheilt, welche die Preisver-weigerung ihm geschlagen. Um diese Zeit erwachte dieNeigung für die deutsche Schaubühne überall, und anden Höfen halfen selbst glänzende Liebhabertheatcr die-selbe Pflegen. Ein solches bestand auch in Meiningcn,wo Reinwald (Schillers nachheriger Schwager) An-theil an der Leitung nahm, sich mit dem Dichter inBriefwechsel setzte, und Julius von Tarcnt einige malezur Aufführung brachte. Dieß gab sowohl Anlaß zueinigen anziehenden brieflichen Mittheilungen von Seitendes Dichters an Reinwald, als auch zu einer Ausgabedes Julius von Tarcnt, welche den Literatorcn undselbst Leiscwitz'S Biographen unbekannt blieb, in welcherAuszüge eines Briefes und einige kritische Beurthei-lungen des Stückes mitgetheilt wurden. Der regierendeHerzog Carl zu Sachsen Meiningcn spielte den Julius,Prinz Georg, dessen Bruder, den Erzbischof, PrinzessinWilhelminc die Nonne Blanka, Prinzessin Amalie diezweite Nonne. Leisewitz theilte Reinwald damalsmit, daß er mit einem Lustspiel schwanger gehe, welchesjedoch nicht zur Erscheinung gekommen ist. Der Stoffwaren «die Weiber von Weinsberg«. Er hatte 1778das Amt eines Landschaft-Secretairs angenommen, undmachte 1780 eine angenehme Reise nach Weimar undGotha , lernte Goethe u. a. kennen, und befreundete sichin Gotha mit dem liebenswürdigen Dichter Götter. DerHerzog von Gotha war durch den Herzog von Meiningen ,der zum Besuch in Gotha weilte, auf Leisewitz auf-merksam gemacht worden, und so wurde er beiden Herzo-gen vorgestellt, und sah sick, am Hofe vielfach ausgezeichnet.

Die deutsche Poesie hat es zu beklagen, daß einTalent, welches sich so bedeutend angekündigt hatte,ihr, vielleicht nur aus Mangel an Selbstvertrauen,untreu wurde; statt gottgetrost weiter zu dichten, über-setzte Leisewitz eine «Geschichte der Entdeckung und Ero-berung der Kanarischen Inseln », und mühte sich anseiner umfassenden Geschichte des dreißigjährigen Kriegesab, die zu schreiben, noch immer eine Aufgabe füreinen Riesen bleibt, weil vas in ganz Deutschland ver-streute Material ein unerschöpfliches und unübersehbaresist; diese Geschichte will weniger aus bereits gedrucktenBüchern, als aus den gleichzeitigen Kricgsakten studirtsein. Leisewitz verheirathete sich im Jahre 1781 mitder Tochter eines Kaufmannes in Hamburg , und lebteein glückliches Stillleben mit ihr, da keine ökonomischeSorge ihn belastete, wohl aber begannen Kränklichkeit,anhaltendes Zahnleiden und podagristische Anfälle, ihmschon das Dasein zn verbittern; auch die Frau begannzeitig genug zu kränkeln. Später zogen andere amtlicheund dienstliche Arbeiten den Dichter ganz aus dem Be-reich der Musen. Er wurde 1790 zum Hcrzogl. Braun-schwcigischen Hofrath ernannt, und zum Jnstructor desErbprinzen in der deutschen und der braunschweigischenGeschichte, wie im Geschäftsgang, und erhielt ein Ca-nonicat am St. Blasn-Dome. Da er in der neuenStellung befriedigte, auch der Erbprinz und einigeandere junge fürstliche Personen, die seinen Unterrichtmit empfingen, ihm volle Neigung zuwandten, so er-nannte ihn der regierende Herzog Carl Wilhelm Fer-dinand zum Geheimen Canzlei-Secrctar und Regie-rungsmitglied, und später, 1801, stieg er zum Ge-heimen Justizrath und Referent mit Sitz und berathenderStimme im Herzoglichen Geheimen Raths-Kollegiumempor, und wirkte fortan praktisch thätig für dasWohl des Staates und dessen Angehörige mit Eiferund Treue. Er machte sich besonders um das Armen-wesen der Residenz höchst verdient, und wurde noch1805 mit Beibehaltung seiner bisherigen Stellungmit dem Vorsitz des Obcrsanitäts-Kollegiums betraut.Leider aber vermochte weder dieser.Vorsitz, noch dasgesammte Sanitätscollegium dem stets an Hypochondrieund dem Heere ihr sich zugesellender Plagen leidendendie schwankende Gesundheit länger zu fristen. Er wurdeAnfang Septembers 1806 von hitziger Brustwassersuchtbefallen, und erlag ihr nach wenigen Tagen. Leisewitzhinterließ als Bürger und Beamter den Nachruf einescdeln menschenfreundlichen Charakters, der zuletzt nochschwerer wiegt, als der Dichterruhm, den er sich durchseinen Julius von Tarcnt errungen hatte.