Lesstng's vertrautester Freund, Christlob Mylius ,hatte sich nach Berlin begeben, Lesstng folgte ihm dort-hin, nahm an jenes Arbeiten Theil und ließ unterdem Titel «Kleinigkeiten» eine Sammlung Gedichteerscheinen. Des Vaters Wunsch blieb aber immer nochderselbe, in dem Sohn einen Theologen zu erblicken,daher begab sich Lesstng von Berlin nach Wittcnberg,wurde Magister, übersetzte dort das Werk Huart's:»Von der Prüfung der Köpfe», aus dem spanischen,machte in Begleitung eines jungen wohlhabenden Leip-zigers eine Reise nach Holland und wandte sich dannabermals nach Berlin zurück, wo er für seinen reichenGeist Nahrung und jene Anregung fand, ohne welchedem begabtesten die Gefahr zu versauern droht. ImKreise von M. Mendelssohn, Nieolai, Sulzer , Ramlcrund andern bewegte sich Lcssiug voll Gcistesfrische undschöpferischer Kraft, seine «Miß Sara Samson» ent-stand, ebenso «Cmilic Galotti», das allbewunderteTrauerspiel, dem es nicht an Nachahmungen fehlte,auch die so einflußreichen «Literaturbriefe» wurden be-gonnen. Der kenntniß- und geistreiche Lesstng wurdeindeß nicht stets vom Glück getragen, wie Goethe, trotzallem Fleiß und allem Ertrag theilte er das Loosvieler minder begabten, bisweilen Mangel zu leiden,vor dem nicht einmal die Mitgliedschaft von Academiender Wissenschaften schützte.
Lesstng nahm 1760 eine Seerctairstelle bei GeneralTauenzicn zu Breslau an, in der er unter mancherleiZerstreuungen, zu denen auch leidenschaftliches Spielgehörte, 5 Jahre aushielt und so lange für die ge-lehrte Welt gleichsam tod blieb. Wieder nach Berlin zurückgekehrt, mit nichts bereichert als mit Büchern,ließ Lesstng, der in seiner Stellung keineswegs dieschönen Wissenschaften vernachlässigt hatte, seinen herr-lichen «Laokoon » erscheinen, noch heute ein aner-kanntes Muster klassischen Geistes, geläuterten Ge-schmackes, und seine »Minna von Baruhelm».
Freunde bewogen Lesstng, den Aufenthalt in Berlin mit dem in Hamburg zu vertauschen und dort an derVerbesserung des Theaters mit arbeiten zu helfen.Leider beschränkten Verhältnisse diese erwünschte Thä-tigkeit, zu welcher niemand so sehr als Lesstng berufenwar, nur auf den Zeitraum von 1766 auf 1767, inwelchem die «Hamburgische Dramaturgie» entstand, die
1768 erschien und mit Recht das größte Aufsehenerregte. Im äußern Verhältniß des begabtesten deut-schen Geistes jener Zeit besserte sich indeß nichts, dießverschlimmerte sich vielmehr und der Kampf mit demLeben blieb auch ihm nicht erspart.
Endlich ging ein Glücksstern für Lcssing auf; ererhielt die stets beneidete Stellung eines Bibliothekars,und noch dazu an einer der bedeutendsten BibliothekenDeutschlands, der zu Wolfenbüttel , 1770, durfte 1775den trefflichen Prinzen Leopold von Braunschweig aufdessen Reise nach Italien begleiten, und konnte dannnach der Rückkehr mit Lust und Muffe von den ge-wonnenen Bereicherungen seiner Kenntnisse wie vondem Reichthum des ihm anvertrauten Literaturschatzesedle Frucht ärnten. Die «Beiträge zur Geschichte undLiteratur» erschienen als eine solche, die übel berufenen«Fragmente eines Ungenannten (Deisten) vom ZweckJesu und seiner Jünger», regten vielfachen Sturm undStaub der orthodoxen Theologie gegen den Heraus-geber auf und verbitterten Lesstng's Leben, indem er,so sehr er Philosoph war, nicht Philosoph genug war,über absichtliche Kränkung und Anfeindung ruhig hin-wegzusehen. Wer sich in Federkriege einläßt, geht,selbst wenn er Sieger bleibt, nie ohne unheilbareWunden aus dem Kampfe. In Lcssing blieb einekrankhafte Verstimmung, und er fühlte mitten in be-neideter Lage sein Dasein in Wolfenbüttel verödet.Eine Heirath mit einer Wittwe aus Hamburg zerrißnach 2 Jahren der Tod, und Lesstng vermählte sichnicht zum zweiten male. Sein unübertrefflicher «Na-than» (1779) war der letzte und leuchtendste Blitzseines großen Geistes neben der «Erziehung des Men-schengeschlechts», 1780 erschienen. Von da ab erloschin ihm die Gluth der Begeisterung, die ihn zum Gipfelunsterblichen Nachruhms getragen; er ward körperlichschlaff, und die Freunde, in deren Kreise er noch trat,erlebten wohl, daß er mitten in ihrer Unterhaltungeinschlief, was für letztere nicht eben schmeichelhaft war.Brustwasscrsucht und ein Stickfluß machte seinem Lebenim 53. Jahre zu Braunschweig ein Ende. Mit ihmschied ein Geist, der nicht ersetzt wurde, bis Goethe'sStern zu strahlen begann, ohne jenen Lesstng's zu ver-dunkeln. Die deutsche Literaturgeschichte wird letzter»ewig als eine ihrer ersten Größen feiern.