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Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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tcrnehmnngen, wie Nieolai's Briefe, die neueste Lite-ratur betreffend, au dessen allgemeiner deutschen Bib-liothek, so wie an der Bibliothek der schönen Wissen-schaften und verfaßte auch selbstständige philosophischeWerke, deren Anerkennung bald über Deutschlands Grenzen hinanSdrang. Auch mit La vater, der im Jahrl 76!) nach Berlin kam, befreundete sich Mendelssohn, nur daß letzterer mit männlicher Ruhe dem seltsamen,obschon aus reinem Wohlwollen hcrvorgegangencn Ver-such Lavaters, ihn zum Uebertritt in das Christenthumzu bewegen, widerstand. Er blieb dem Glauben seinerVater unerschütterlich zugethan und vertheidigte densel-ben mit Ueberzeugungstrcnc, doch nicht ohne dabei durchgroße geistige Aufregungen und Erschütterungen seineszartorganisirten Gemüthes dauernd zu leiden. Ausdiesen inneren Kämpfen ging Mendelssohns berühmtesBuchJerusalem, oder über religiöse Macht und Judcn-thum" hervor; von einem zweiten:Morgenstunden"erschien nur der erste Band. Beide legten Mendels-sohns religiöse wie philosophische Ansichten in einer ge-bildeten und edlen Sprache vor Augen, doch bliebendieselben keineswegs ohne Anfechtung. Mendelssohns vcrbrcitetstcs und am meisten anerkanntes, fast in alle

Sprachen Europa's übersetztes Werk ist sein auf Pla-tons Phädon gebautes Buch: Phädon oder über dieUnsterblichkeit der Seele. In drei Gesprächen. Es istin sokraiischer Form geschrieben und fand soviel Theil-nahme, daß mau den Verfasser allen Ernstes mit demNamen des deutschen Sokrates beehrte, ohne an dashinkende eines solchen Vergleichs zu denken. Eine Be-hauptung des Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi ,daß Lessing sich den Lehren Spinozas zugeneigt habe,erschütterte Mendelssohn heftig und regte ihn an, eineGegenschrift zu verfassen, welche den Titel führte:Mendelssohn an die Freunde Lcssings", die er in sogereizter Stimmung schrieb, daß sein ganzes Nerven-system in Aufregung gericth. In dieser Stimmungausgehend, traf ihn eine Erkältung, welche die Ursacheseines Todes wurde, der allgemeine Theilnahme beiden gelehrten Zeitgenossen Mendelssohns hervorrief.Mendelssohn war einer der hervorragendsten und be-gabtesten Geister, die aus dem Judenthum der Neuzeithervorgegangen, und von großer Trefflichkeit des Cha-rakters, daher ihm im Kranze deutscher Philosophenvon Bedeutung stets eine ehrenvolle Stelle gesichertbleibt.