seinen Grandison den zweiten, d. h. glücklich für seineZeit, denn jetzt dürste es kaum nach einen Leser geben,der nach Grandison I. oder II. irgend ein Verlangentrüge.
Mnsäns wurde zum Pagcnhofmcister in Weimar ernannt, ein Posten, dein er ganz gut vorstehen konnte,und erhielt später auch eine Professur am Wcimar-schcn Gymnasium, ertheilte Privatunterricht, nahm Kost-gänger in das Haus und führte so ganz das Lebeneines Staatsdiencrs, der zum sterben zu viel undzum leben zu wenig Einnahme hat, das Leben vontaufenden wackeren, für höheres und besseres berufenenLehrern, die «das beste, was sie wissen können» —nach Goethe's Anssprnch: «den Jungen doch nichtsagen» dürfen.
Zu seinem Glück aber war Mnsäns eine zufrie-dene, glücklich begabte Natur, bescheiden und genügsam,und liest sich auch durch die ihm später im reichenMaaß zu Theil werdende Anerkennung nicht schwindlichmachen. Mit der jovialsten Laune griff er wieder zurliterarischen Geisel und persiflirtc in seinen «physiog-nomischcn Reisen» die herrschende Zeitthorheit, die insich zwar philosophisch wissenschaftliche Begründung ha-bende, aber doch aller Narrheit Spielraum gebendePhysiognomik, Lavater's Schooßkind .
Ungleich bedeutsamer trat einige Zeit darauf Mu-saus mit seinen «Volksmärchen der Deutschen» hervor,durch die er einer in Deutschland fast noch neuenNov ellenform Bahn brach, welche häufigste Nach-ahmung fand, letztere durch den Beifall geweckt, der derersteren zu Theil ward. ES mußten Jahrzehnte, ja einhalbes Jahrhundert vergehen, ehe viele sich von derIdee loszureißen vermochten, Musäus habe wirklichVolks-Märchen erzählt. Er nahm einen Märchen-oder Sagcnstoff, den er sich wohl von alten Weibernoder Soldaten mittheilen ließ, schmückte ihn mit Phan-tasie und Laune, spann ihn inS Weite und Breite, unddas gefiel, das galt dem Geschmack der meisten seinerZeitgenossen wirklich - für Märe und Sage; ja er-nährn auch das Wort Legende dazu und gebrauchtedieß im allerfalschesten Sinne, verwirrte damit die Be-griffe und regte das Heer der Nachahmer an, es ihmnachzuthun. Alle diese Mißgriffe benehmen aber kei-neswegs den Dichtungen des jovialen Mannes ihrenWerth, letztere behalten immerhin ihre Geltung, undes würde gewagt sein, ihnen ihre Berechtigung abzu-sprechen. MusäuS weckte doch den Sinn für dieVolkspocsie, für Mär' und Sage wieder in der Lese-welt, und das ist kein geringes Verdienst.
MusäuS, der zwar in Weimar wohnend, aber aufdem dicht über der Stadt vor dem Kegclthore sich er-
hebenden Hügel, die Altenbnrg genannt, sich ein länd-liches Gartenasyl gegründet hatte, fühlte sich gedrungen,fort und fort zu schreiben; so entstand neben der Theil-nahme an der gothaischen Gelehrten Zeitung und derallgemeinen deutschen Bibliothek noch das Buch: «FreundHein's Erscheinungen in Holbein's Manier (mit Bil-dern) von I. R. Schellenberg» — ein Buch, das, indie Todentanzliteratur einschlagend, freie Phantasienüber Todes-Ueberraschungen enthält, die mehr mitLaune gewürzt, als von Tiefe durchdrungen sind —ferner ein Bändchen «Straußfedern», von andern späterfortgesetzt — Moralische Kindcrklapper für Kinder undNichtkinder nach Monget's IIoLbets moraux, die Mu-säus aber auch nicht ganz vollendete, vielmehr voll-endete er selbst an einem Hcrzpolypen schon im 52. Le-bensjahre, sanft und harmlos, wie er gelebt hatte.
August von Kotzebue, Musäus dankbarer Schülerund späterer Freund, übernahm es, die nachgelassenenPapiere des Verstorbenen zu ordnen und was davontauglich erschien, herauszugeben, indem er zugleich einefreundlich anerkennende Charakteristik voranstellte, undcS bot auch diese Sammlung manches unterhaltendeund neue, vor allem auch eine schöne, dem Andenkendes Verewigten gewidmete Rede Herder's. Vielfachwurde in Schriften der Zeitgenossen anerkennend undwohlwollend der Verdienste und Gaben des Dichtersgedacht, und noch mehr des Menschen, denn trotzdem,daß er Humorist und Satyriker war, daß er oft gegendie Gebrechlichkeiten und Schwächen der Gesellschaft dieGeisel des Spottes schwang, wollte niemand ihm, demWohlwollenden, übel. Er war stets heiter, gemüthvoll,dienstfertig, bescheiden, fast übcrhöflich, zufrieden mitseiner Stellung, die ihm allen Lurus versagte, immervoll Hoffnung auf die bessere Zukunft, die ihm aufErden freilich nicht kam. Lachend sagte Musäus dieWahrheit, und so that er seinen Zeitgenossen genug.
Die Volksmärchen erlebten mehrere Auflagen, einederselben gab 1806 Wieland heraus, die jüngste der-selben Jacobi, mit anmulhigen Küpferchcn von Hose-mann; dann giebt cS auch eine noch spätere illustrirteAusgabe. Dieselben werden als Unterhaltnngsbuchstets noch ein Publikum finden, nur muß man, wieoben gesagt, sie nicht für eine Sagen- oder Märchen-quellenschrift nehmen, und sonach widerlegt sich vonselbst der irgendwo zu lesende Vorwurf einseitigerKritik, daß Musäus zu den Schriftstellern gehört habe,die nur für ihr Jahrzehcnt arbeiten, wenn auch seineSchreibweise nicht mehr so anspricht, wie früher, daAnschauungen, Verhältnisse, Geistesbildung und Geistcs-richtnng auf andere Stufen getreten sind, als zu seinernoch gemüthlichen und völlig harmlosen Zeit.