Verfahren in diese Fabrikation einführte- und die FirmaRichter und Nathusius (die auch nach des ersteren frühemTode fortdauerte) ward bald auf den Tabakspaketen über ganzDeutschland , ja über dasselbe hinausgetragen. Eine übleUnterbrechung machte im Jahre 1795 die Wiedereinführungder Tabaksregie, bei der er nun als Generalfabrikdirectoreintrat, aber bald seinen Abschied nahm, weil er sich mitder ziemlich schlechten Wirthschaft nicht vertragen konnte. Siefand auch bald ihr Ende in der Wiederaufhebung des Regalesnach Friedrich Wilhelms II . Tode. Nathusius leitete dieAuflösung als königlicher Commissar, schlug aber den ihmangebotenen Geheimerathsrang aus, und übernahm sein Magde-burger Geschäft nun wieder für eigene Rechnung. Im höchstenFlore traf es der unglückliche Krieg von 1806 und der TilsitcrFrieden, wodurch Magdeburg zum Königreich Westfalen ge-schlagen und der Absatz erheblich beschränkt ward. (Solldoch im Preußischen ein Jude sich taufen lassen und dabeiden Namen Nathusius angenommen haben, blos um inEompaguie mit irgend einem Richter die Firma nachzu-machen. )
Nathusius ward unter die Westfälischen Rcichsständenach Caffel berufen und dort zugleich Rathgeber des in steterVerlegenheit befindlichen Finanzministers von Bülow, ohnedaß meistens jedoch sein Rath richtig befolgt wäre, und ohnesich auch activ an Manipulationen zu bethciligen, durch dieer sich ohneMühe hätte bereichern können. Für bloßes Geld- undPapiergeschäft war er kein Mann. — In Cassel verheirathetesich Nathusius mit einer Tochter des Kriegsraths Engelhardund der als Dichterin zu ihrer Zeit vielgenannten Philippinegeb. Gatterer, kaufte das Kloster Althaldcnslcben bei Magde-burg und das daran stoßende Rittergut Hundisburg und zogaufs Land.
Hier begann er nun ein neues Leben in großartigengewerblichen Schöpfungen. Von weit und breit sammeltensich «Genies» aus diesem Fache, die freilich meistens zurGattung der «verdorbenen» gehörten, um den allen neuenIdeen zugänglichen Mann, unter dessen Seelenvermögenüberhaupt (was von einem so bekannten Geschäftsmanne,und der auch selbst nur das «Nützliche» gelten lassen wollte,wunderlich zu sagen ist) die Phantasie das hervorstechendstewar. Das wichtigste und unzweifelhaft zeitgemäßeste seinerUnternehmungen war eine Maschinenfabrik im ausgedehntestenMaaßstabe, zu einer Zeit, wo noch keine in Deutschland bestand. Mit großer Energie in Schwung gesetzt, scheitertesie gänzlich, weil Nathusius selbst gerade von der Mechanikkeine ausreichende Kenntniß besaß und der Mechaniker, demer die Leitung übergab, ei» Schwindler war. Doch bliebauch dies Unternehme» nicht ohne Folge, indem zwei vonden Arbeitern, die Nathusius dazu aus England hatte kommenlassen, nun auf eigne Hand eine Fabrik anlegten. — Glück-licher war Nathusius, nachdem er schweres Lehrgeld bezahlthatte, mit den meisten andern Unternehmungen, die er selbstbesser übersehen konnte. Allein meistens hatten sie nur Reizfür ihn, solange es Neues zu ersinnen und auszuführen,Schwierigkeiten zu überwinden gab. Waren sie erst im Gange,so ließ er sie theils wieder eingehen, theils von Beamten so gut
es ging verwalten, um sich mit seinem rastlosen Geiste sofortwieder neuen Aufgaben zuzuwenden. So entstand theils nach,theils nebeneinander eine ganze Reihe von Gewerbszweigen:chemische Fabrik, Branntweinbrennerei, Bierbrauerei, Eisen-gießerei, Kupferhammer, Steiudruckerei, Mahl- und Oel-mühlen, Rübenzuckersiederei, indische Zuckerraffinerie, Stärke-und Kartoffelsyrupsfabrik, Pottaschesiederei, Gppshütte undFabrik von künstlichem Marmor, Obstwcinkelterei, Nudel-fabrik, Essig und Mostrichfabrik, Destillation von Liqueurenund Parfüms, Ziegelei, Töpferei, Steingut- und Porzellan-fabrik, großartige Baumschulen u. s. w. So ward Alt-haldensteben, ohne daß der rastlose Unternehmer aus demallen in Summa zuletzt irgend einen pekuniären Vortheilgezogen hätte, eine Pflanzschule der Industrie für nähereund weitere Umkreise. Und da daneben auch die neuestenMethoden der Landwirthschaft und Landescultur überhauptim großen versucht und angewendet wurden, so war es langeZeit das Reiseziel einer großen Menge von Besuchern ausfast allen europäischen Ländern. Im Sommer war fast täg-lich offene Tafel, die Nathusius mit der lebhaften und origi-nellen Unterhaltung eines Autodidakten würzte, und bei deres ein Lieblingsgedanke von ihm war, daß alles, was sichaus ihr befand (mit Ausnahme der beiden Artikel: Salz undGlas, die er deshalb gern auch noch in Angriff genommenhätte) eigenes Produkt war. So genoß er den Rest seinesLebens in ländlicher Zurückgezogenheit und in einer glücklichenHäuslichkeit, große Mäßigkeit und Sparsamkeit mit einer nochgrößeren Freigebigkeit, wo es wohlthätige oder gemeinnützigeZwecke galt, vereinend. Besonders gern unterstützte er jungeLeute zu ihrer Ausbildung. Blieb es doch stets sein stillesBedauern, daß er von seinem eigentlichen Lieblingswunsche,sich einer gelehrten Laufbahn zu widmen, durch die Noth derJugend verschlagen war. Sein einziger Lurus bestand ineiner sehr ins große getriebenen Liebe für die Pflanzenweltund schöne Gartenkunst. Von dem Charakter des ungewöhn-lichen Mannes, der in einer ihm eigentlich fremden Sphäreso Außerordentliches leistete, wäre es schwer ein Bild inwenigen Strichen zu entwerfen: er konnte nach außen streng,ja hart erscheinen, und war doch von der weichsten undsinnigsten Empfindung (eine große Schüchternheit, nament-lich auch Höherstehenden gegenüber, hatte er in seiner Jugendnur dadurch überwunden, daß er jeden, der vor ihm stand,ohne Kleider zu denken sich vornahm); — als Mann desCalculs bekannt, kannte er kaum die gangbaren Geldstücke,und steckte er ausnahmsweise einmal Geld zu sich, so wußteer am Abende nicht, wo es geblieben war; — als Vateraller Praris galt er, und konnte kaum behalten, wie langein Fuß oder wie schwer ein Pfund war. Keiner Modefolgend, behielt er auch eine stets gleichmäßige und etwasalterthümliche Tracht bis in sein rüstiges Alter bei. Er starbnach längerer Nnterleibskrankheit 75 Jahre alt im Kreiseder Seinen.
Von 5 Söhnen, die ihn nebst 2 Töchtern aus seinerglücklichen Ehe überlebten, verwalten 4 väterliche Güter, der5. redigirt ein größeres Unterhaltungsblatt, das (früherHallische) «Volksblatt für Stadt und Land».