Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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schaftspostcn am päpstlichen Stuhl, welcher ihm 1810übertragen wurde, war eine ehrenvolle Entfernung.Hier brachte er durch mehrjährige Verhandlungen dasConcordat zwischen dem Papst und der preußischen Re-gierung über die Verhältnisse der Katholiken in Preußen zu Stande. Hauptsächlich aber widmete er sich hierwieder dem Studium des Alterthums. Auch in denZeiten des lebhaftesten Gcschäftslebens hatte er Mußegefunden, dasselbe zu Pflegen, und als Mitglied derAeademie durch Schriften und Vorlesungen sich als ge-lehrten Forscher bewährt. So entstand die römischeGeschichte (1811), ein Werk, das bei seinem ersten Er-scheinen vielen Widerspruch fand ohne in seinem Wesenbegriffen zu sein. Der Aufenthalt in Rom gab ihmGelegenheit, alle Studien zu einer neuen Bearbeitungund Wetterführung dieses Werks zu machen, an derenAusführung er sich erst nach seiner Rückkehr nachDeutschland (182.',) machte. Er begab sich nach Bonn und hielt dort im freien Verband mit der Universitäteine Reihe historischer Vorlesungen, welche den belebend-sten und nachhaltigsten Einfluß auf die studirende Jugendübten. Es war nicht nur die Fülle des Wissens, dieGroßartigkeit und Lebendigkeit der Anschauung, welchefesselte und begeisterte, sondern die Rückhaltlofigkeit undWahrheit, mit welcher Niebuhr sich selbst gab und seineganze Persönlichkeit in der wissenschaftlichen Forschungaufgehen ließ. Wenn er auch die Leidenschaftlichkeitseiner Natur dabei nicht verläugnen und durch starkausgeprägte Vorliebe und Abneigung einseitig und un-gerecht werden konnte, so wurden diese Schwächen mehr

als ausgewogen durch die Kraft seiner bedeutenden In-dividualität. Getragen durch den persönlichen Einflußfand nun auch die neue Bearbeitung der römischen Ge-schichte, in einer Zeit, welche für die Würdigung wissen-schaftlichen Verdienstes mehr geeignet war, lebhafteTheilnahme und Bewunderung. Und in der That hatsie eine Bedeutung für die Entwickelung wissenschaftlicherForschung, welche weit hinausgeht über die Wichtigkeitdes erforschten Gegenstandes. Niebuhr untersuchte dieGeschichte Roms nicht blos mit den Kenntnissen undder Methode eines Gelehrten, sondern er brachte dieEinsicht und das Verständniß des Staatsmannes hinzuund faßte die Entwickelung des Staatslebcns in seineninnern Verhältnissen und den Beziehungen nach außenals eine wirkliche und leibhafte, aus den gegebenen Be-dingungen mit Nothwendigkeit hervorgehende auf, ermachte dasselbe lebendig und in seinem Leben anschaulich.Er machte sich ferner frei von der Autorität der Ueber-lieferung, die er nur, soweit sie vor der Prüfung derKritik bestand, als eine zuverlässige und glaubwürdigezuließ; er zerstörte durch den Nachweis willkürlicherZusammensetzung und Erfindung den trügerischen Scheingeschichtlicher Ueberlieferung, und brachte dafür die dich-terische Wahrheit der Volkssage zur Anerkennung; in-dem er das Wesen und die Grenze der Sage und Ge-schichte schärfer bestimmte, setzte er beide in ihr Rechtein. Hiermit war ein wesentlicher Fortschritt für allegeschichtliche Erkenntniß und Forschung gethan, der sicherfolgreich erwiesen hat in weiten Kreisen.