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Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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bei Leipzig dennoch zu den Allürtcu mit dem Nestseiner Truppen überging, verwirkte er völlig die Gnadeseines .Königs, ward mit Hast und Strafe bedroht undentzog sich letzteren Uebeln durch rasche Flucht vonseiner Brigade. Erst nach dem Tode des KönigsFriedrich l. 1816 durste Graf Norrmann wagen, insein Baterland zurückzukehren, wo er in der Stillelebte, sich vermählte und seine väterlichen Güter be-wirthschaften half. Diese Stille war dem noch jungenManne indeß keineswegs das erwünschte Lebensziel;er ersehnte lebhaft eine Beschäftigung, welche vergönnte,Manncsmuth und Thatkraft zu bewähren. Mittler-weile brach der griechische Frcihcitskampf aus und derHülfcrnf deS von der Pforte hart geknechteten Hcllcncn-vvlkcS dnrchdrang Europa .

In Stuttgart zuerst von allen deutschen Städtenbildete sich ein Griechenhülfsverein, und begeistcruugs-voll weihte sich General Norrmann der Sache dieserjungen Freiheit; Aufrufe wurden erlassen voll Gluthund Feuer, und es fehlte nicht an kühnen Wagehälsen,die ihr LebenSlvos in die Wagschalen des Looses derGriechen warfen. Mit einer entschlossenen Philhellcnen-schaar reiste Norrmann, Weib und Kinder verlassend,nach Marseille , wo mit dem Philhellencnwcsen durchfranzösische Abenteurer erstaunlich viel Comödie gespieltwurde. Abenteurer und Beutelschneidcr, Windbeutelund Prahlhänse bildeten die Mehrzahl der Helden inHoffnung dort, Graf Norrmann, ein ganz andererAlan», war einer der wenigen, die nicht Abenteurer-trieb und Gewinnsucht nach Griechenland führte.

In Griechenland mit seiner Schaar, die meist ausdeutschen Officieren bestand, angekommen und am7. Febr. 1822 bei Navarino gelandet, bildete Norr-manu zu Korinth ein Philhcllcneubataillon, verbandsich mit dem Fürsten Maurokordato und half alö Ehcfdes Gcneralstabes den Feldzug in Epirus leiten. DieStreitmacht bestand aus 1 Infanterieregiment und demBataillon. Das schwache Philhellcnenbataillou Norr-mauu'S bestand aus 180 Mann, war in 2 Compag-nien getheilt. Maurokordato war Generalissimusund Oberst, Graf Norrmann Oberstlieutenant, dannbildeten noch ein Kommandant, ein Adjutant-Major,ein Ouartiermeister und zwei Hauptleute, mehrere Ad-jutanten, einige Aerzte u. s. w. den Stab dieser Streit-macht; auch ein Kommandant der Artillerie war be-

reits ernannt, welche letztere aber noch fehlte. DieUuisormiruug war höchst bunt, die Bewaffnung mangel-haft, doch der Muth groß. Mau zog nach Vostitza,gelangte an die kleinen Dardanellen, in die Ebenen vonPatras und Missolouughi, stieß zu Kolokotroni undmachte die bittersten Erfahrungen über die Spaltung,den Unfrieden und die Treulosigkeit der Griechen undihr planloses handeln, wie über die Eitelkeit der Heer-führer, und es dauerte gar nicht lauge, so sah sichGraf Norrmann sammt seinen deutschen Landslcutenvernachlässigt, gegen die französischen Philhellcneu zu-rückgesetzt und in Schatten gestellt.

Weiter zog das Heer, das sich bedeutend verstärkthatte, längs der Ufer des Aspropotamo hin, wo esmancher Entbehrung ausgesetzt war, nach Komboti,bestand dort siegreich ein heftiges Treffen, in welchemGeneral Norrmann sich vorzüglich auszeichnete, undnäherte sich Peta, dem vcrhäugnißvollen Orte, welchender General besetzte und dann mit dem Philhellenen-Bataillou mehrere kleine Gefechte mit den Türken be-stand, bis ein ungeheures Türkenhecr aus Arta heran-rückte und einen von den Philhcllcnen besetzten Fels-berg zu stürmen begann. Es entspann sich ein mör-derischer, heftiger, verzweiflungsvoller Kampf, welchervielleicht trotz der Uebermacht doch günstig für dieGricchcnkämpfcr ausgefallen wäre, wenn nicht ein ver-räterischer Kapitän, Namens Gogo, vom Feind be-stochen, mit seiner Schaar im entscheidendsten Augenblickdie Flucht ergriffen hätte. Just das Philhcllenen-bataillou wurde ganz umzingelt, ganz abgeschnitten,eine Kugel stürzte den General, der sich todesmuthigdem Feind eutgegenwarf, vom Pferde und das Ba-taillon wurde fast buchstäblich vernichtet. Gleichwohlgelang es, den nur durch einen Prellschuß verwundetenGeneral aus dem Schlachtgetümmel zu tragen. VomPhilhellenenbataillon blieben nur achtzehn Mann übrig.Dennoch behielt Norrmann noch Kampfesmuth undFreudigkeit, da er sich schnell von seinem Fall erholthatte, aber im Herbst raffte ein Nervenfieber in Folgeseiner Verwundung in Missolouughi, wohin er sichmit Maurokordato zurückgezogen, den Helden hin. Erwar ohnstreitig unter allen deutschen Philhellenen derbedeutendste und ruhmwürdigste, der sein Leben freudigeiner schönen Sache weihte, für die sein Herz begeistertschlug.