konnte sie, dieß lag in allen Verhältnissen, keinenBoden abgeben. Um so williger nahm er noch indemselben Jahre einen gleichen Ruf nach Halle an,und las dort mit Glück und Beifall theologische Ency-klopädie, Eregese und Dogmatik, wie Moral. VomJahr 1807 an, in welchem für Halle ein unglücklicherWendepunkt eintrat, siedelte Schleiermacher wieder nachBerlin über, hielt dort öffentliche Vorlesungen, undzeigte sich von einem warmen Vaterlandsgcfühl beseelt,daS keine feindliche Bedrohung fürchtete. Im Jahre1809 erhielt er eine Prcdigerstelle, an der Dreifaltig-kcitskirche, verheirathete sich, und wirkte später alsordentlicher Professor der Universität. Er wurde imJahre 1811 zum Mitglied der Akademie der Wissen-schaften ernannt, und 1814 zum Secretair der philo-sophischen Klasse. Schlciermachers Wirken und seineWerke gewannen im Leben wie in der Literatur gleich-mäßig eine hohe Bedeutung; er war ein Mann, derdas Leben wie die philosophische Wissenschaft von derrichtigen Seite zu erfassen verstand, er ließ die Zeitund ihre Verhältnisse auf sich einwirken und wirkteauf sie belebend und fördernd ein; er suchte nicht mitder bei allem Gcistrcichthum doch bornirten Einseitig-keit moderner Philosophen das Christenthum zu ver-nichten, sondern die Gemüther für dasselbe zu beleben,zu erwärmen und zu begeistern. Schlciermacher war«fromm» nicht aus gelernter, sondern aus angeborener,mit der Muttermilch eingesogener Ueberzeugung, daherzum Theologen wahrhaft berufen, daher geboren fürdie Kanzel mehr noch als für den philosophischen Lehr-stuhl, wie sehr er auch diesen zierte. In der Philo-sophie fand Schlciermacher die Bausteine für seine Theo-logie, während andere in ihr nur die Mauerbrecherfinden, mit der sie das christlichkirchlichc Lehrgebäudein Trümmer z» stürzen wähnen und versuchen. Willman Schatten in ihm finden, so sind diese offen undklar blosgelegt in den «ihm zugeschriebenen» Briefenüber Schlegels Lucinde, deren Richtung in sein eigenesLeben mit einer von der Sitte nicht gut geheißenenLiebe trat, die ihm grausames Weh schuf, aber auch
Selbstüberwindung lehrte. Und dennoch heben, läuternund verklären diese Briefe des Buches unlautere und un-sittliche Elemente, das als eine jugendliche Verirrung desVerfassers seine Stellung in der Literatur behauptet. Wosind auf Erden die Geister, die niemals irren und fehlen?
Schlciermacher forderte, und dieß macht ihn so be-deutsam in seiner Stellung als Theolog, als Noth-wendigkeit für den künftigen Geistlichen das im Ge-müth Vorhandensein des religiösen Sinnes; er verlangtnicht peinliche Orthodoxie, aber er verwarf unbedingtden vagen, alles höhere begeisternde religiöse Lebenverflachenden Nationalismus. Zu seinen bedeutendstenWerken gehört seine «Dogmatik», außer ihr verfaßte erungemein viele meist zuerst einzeln gedruckte Predigten,gelehrte Streit- und Flugschriften und Abhandlungen;seine Predigten erschienen auch in mehreren SammlungenSchlciermacher war als Prediger ausgezeichnet, jedemAlter verständlich, klar und eindringlich, daher be-liebt und von der Gemeinde hochwerth gehalten. Erwar dabei körperlich und geistig vollkommen rüstigund verstand die schöne Kunst, die so viele Gelehrtenicht verstehen, ebenmäßig zu leben, Schritt zu haltenin Arbeit und Erholung und seine Arbeitskraft aufdas angemessenste zu verwenden; er beherrschte sichund ließ momentane Verstimmungen seines geistigenoder körperlichen Organismus andere nicht fühlen. Erwar, wie ein Kritiker seiner mit I. Chr. Gaß ge-wechselten, 1852 herausgebenen Briefe schön und gutsagt: ein Virtuos des Lebens und des Denkens, unddaher der gereifte Weise, dem auch das sterben nichtschwer wurde. Ueber den am Ende der Laufbahnsiech und welk werdenden Körper siegte noch lange desMannes kräftiger Geist, und es blieb auch in derStunde des Todes hell in ihm, wie es in ihm hellgewesen war durch ein langes, reiches Leben. Nocham Tage seines Hinscheidens nahm er das Abendmahlund reichte es den Seinen; er brach selbst das Brot»ach dem Brauch seiner Kirche — der Kelch des Lebensversüßte ihm den Kelch des Todes. Als seiner Handdas erste entsank, sank er selbst und war nicht mehr.