gewiss nicht hart gegen ihn sein und ein Wohlwollenderihn nicht verhöhnen, noch zum Besten haben konnte.Auch war Jung durch Herder Dergestalt eraltirt, daßer sich in allein seinen Thun gestärkt und gefördertsuhlte, ja seine Neigung gegen mich schien in ebendiesem Maaße abzunehmen; doch blieben wir immergute Gesellen, wir trugen einander vor wie nach underzeigten uns wechselseitig die freundlichsten Dienste.»
Dieß Urtheil reinen Wohlwollens verdiente undbewährte Jung Stilling durch sein ganzes Leben, alspraktischer Arzt, wie als belehrender philosophischer undschöngeistiger Schriftsteller. Die Richtung von JungStiliing's Geist war jene sanfte, milde Religiosität,die sich innig in die Hcilslehren dcS Christenthumsversenkt, aus ihnen Trost des Gemüthes, Frieden derSeele und gläubige Hoffnung schöpft, und förmlich imschroffen Gegensatz steht zu der modernen Philosophie,Die nur daS werthe Ich in sclbstvergötterndem Dunkelan die Stelle Gottes setzt und setzen lehrt. Daherfreilich auch bei Jung die Hinneigung zu etwas allzu-sehr pietistisch-frömmelnder Schreibweise in mehrerenseiner Schriften.
Jung Stilling ließ sich in Elberseld nieder, prak-tizirte dort als Arzt, besonders als Augenarzt, mitgroßem Gluck und Ruhm, und soll über 2000 BlindendaS Gesicht wieder gegeben haben. In diese Zeit fälltsein beliebtes Buch «Theobald oder der Schwärmer»,auch schilderte er bereits 1777 seine «Jugend, Jüng-lingsjahre und Wanderschaft», in drei Theilen. Eigen-thümlich abirrend von dem zuerst erwählten Bcrnfskrcisund jener Richtung reinen ästhetischen Schaffens, lenkteJung seine Thätigkeit auch andern Lehrgebicten zu.Er wurde Cameralist, lehrte als solcher zu Läutern,wurde 1787 Professor der Camcralwiffenschaft zu Mar-burg , und siedelte von dort in gleicher Eigenschaft 1803nach Heidelberg über. Nun schrieb er Lehrbücher über
Forstwissenschaft, Fabrikwesen, Handlungskunde, Finanz-wissenschaft und selbst eine kleine Naturgeschichte fürFrauenzimmer. Dennoch ärntcte er auch auf dem phi-losophisch-ästhetischen Gebiete noch manche Lorbeeren;unter mehreren romantischen Schriften mit pietistischemAnhauch seien nur genannt: Geschichte Florentin's vonFahlendorn, 3 Bde., 1779; Leben der Theodore vonLinden, 2 Bde., 1783; Das Heimweh, 1794, 3 Bde.;außer diesem gab er noch mehrere christlich asketischeSchriften heraus und wagte sich endlich auch in dasübersinnliche und dem Menschenblicke tief und ewig ver-hüllte Gebiet der Geisterknnde, und zwar gab er gleicheine förmliche «Theorie» derselben und behandelte die-selbe noch in mehreren Einzelschritten, nicht ohne Theil-nahme in gewissen Kreisen der Lcsewclt, weil Hangund Zug zum geheimen und übersinnlichen mehr oderminder stark in jedes einzelnen Neigung liegen. Dochbebaute Jung dieses Feld mit nicht mehr und nichtminderem Glück, als alle die Geisterglänbigen nachJung Stilling bis auf die allerneucstcn Klopfgeister-lchrer, welche allen Ernstes uns ansinncn, zu glauben,daß die Geister von vor Jahrhunderten Verstorbenensich in hölzernes Gerümpel, alte Tische und dergleichengebannt fänden, um neugicrdcvoller Spielerei der Jetzt-zeit zu läppischen Orakeln zu dienen. Das wäre eineUnsterblichkeit! —
Endlich war Jung Stilling auch gcmüthvollcr ly-rischer Dichter, und sein Freund E. W. Schwarz,welcher als Nachtrag zu des ersteren Leben auch dessenAlter schildert, gab 1821 Jung's Gedichte nach dessenTode heraus.
Jung Stilling beschloß sein ziemlich bewegtes undfleißiges Leben als Geheimer Hofrath und Professor derStaatswirthschast zu Karlsruhe, wohin er sich von Hei-delberg aus gewendet hatte, in jener Friedensstille, die erliebte und die seinem Wesen und Charakter eigen war.