Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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reisten beide Bruder eine Zeitlang mit einander in Be-gleitung ihres Freundes, des jungen Grafen von Hang-witz, und verweilten 1775 auch bei Lavater , von demGraf Leopold Vorliebe für Schwärmerei und vielleichtauch einige Abneigung gegen Voß gewann. Als Dichtergingen bcive Bruder, die sich innig liebten, vereintenGang; die Gedichte beider gab Boie 1779 in 2 Theilenheraus, die Gcsammtwerke beider haben später 20 Bändegefüllt, zu denen freilich Graf Leopold das meiste lie-ferte. Beide wendeten sich, wie Bürger that, der Bal-lade und Romanze mit Vorliebe zu und behandeltensie in gleicher Weise, wie dieser, vielleicht noch ritter-licher, leider aber oft auch mit geschmackloser Breite,wozu die bekannte «Büßende» einen auffallenden Belegliefert, vbschon sie ihrer Zeit so volksthümlich erschien,daß man sie in Bildern verherrlichte, ja sogar dasbandwurmlange Gedicht für eine Singstimmc völligdurchkomponirte.

Beide Brüder wurden königl. dänische Kammer-junker, später Kammerherren, legten aber später ihreAemter nieder. Christian starb auf seinem GuteWindcbhe bei Eckernfördc am 18 Januar 1821.

Im Jahre 1777 wurde Graf Friedrich Leopold zuStvlberg fürstbischöflich Lübeckischer, d. h. herzoglichHolstein-Gottorpischer Ministerresident am königl. dä-nischen Hofe zu Kopenhagen , übersetzte bei der Müsse,die ein solcher Gesandtschaftsposten reichlich vergönnt,Homer's Jlias, und blieb der Muse der Poesie getreu.Cr vermählte sich 1782 mit Agnes von Witzleben,die ihm 1788 der Tod entriß, und wurde im darauffolgenden Jahre dänischer Gesandter am Berliner Hofe.Dort schloß er einen neuen Ehebund mit Sophie, geb.Gräfin Redcrn, worauf cr 1791 zum Regierungs-präsidenten der herzoglichen und fürstbischöflichcn Re-gierung zu Eutin ernannt wurde. In Eutin hatte sichdas alte Frcundschaftband mit Voß bereits im Jahre1782 wieder neu, fest und innig geknüpft; beide Freundegaben vereint Hölty's Gedichte heraus. Wer hätte ahnensollen, daß zwischen den begabten Männern später sobitterer Zwiespalt entstehen könne!

Als von Frankreich herüber die ersten Freiheit-bewegungen, die Vorboten der Revolution, sich kundgaben, erging es Stolberg wie vielen noch ungleichhöher als er gestellten edlen deutschen Männern, undwie es auch in Deutschland 18-18 bei nicht mindervielen der Fall war; sie begrüßten voll poetischer Freudedas Morgenroth sittlicher Freiheit, schöner Menschcn-vc)brüdcrung, sie glaubten an die Möglichkeit, daßIdeale sich verwirklichen könnten, sie gaben sich frohenHoffnungen hin, sahen nur wcltbcglückendc Engelschaarcnin den Freihcitsniännern, und nicht die grinzendcn

blutdürstigen, aller Menschheit und Menschlichkeit hohn-sprechenden rebellischen Teufel. Bald genug wardgleich anderen der Graf ernüchtert, als cr sah, wohindie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ziele, dieüberall nur ein und dasselbe Ziel hat. Dadurch lenktesich sein Gemüth, vorher edclfrci gesinnt, der absolutenund aristokratischen Richtung zu und sah nur im Druckeiner Gewaltherrschaft das Mittel zur Nicderhaltungvon Aufruhrgelüsten. Er nahm Urlaub und trat eineReise nach Italien an, auf welcher ihn seine Gemahlin,sein ältester Sohn und Nicolovius begleiteten. Er hatdiese Reise selbst geschildert; auf ihr empfing cr theilsunmittelbar, theils durch neu gewonnene Freunde ausMünster nachhaltige Eindrücke, die seinen vorher or-thvdor-lutherischen Sinn ebenfalls gänzlich umwan-delten und ihn der katholischen Kirche geneigt machten.Die nächste Folge war 1800 Niederlcgung seines Amtesund Dienstes und Umzug nach dem streng katholischenMünster. Dort erfolgte der Uebertritt der ganzengräflich Leopold Stolbergischen Familie mit Aus-nahme der ältesten Tochter zur römisch-katholischenKirche, über welchen Schritt der Graf viel hartenTadel ertragen mußte, den härtesten von seinem liebstenFreunde Voß durch den Aufsatz: «Wie ward FritzStolberg ein Unfreier?» Es ging eine große sittlicheEntrüstung über diesen Uebertritt durch Stolberg'sFreundeskreis, die der Graf scharf und tief zu fühlenbekam; es war ein schonungsloses Verdammungsurthcil,welches über ihn erging und welches vielleicht milderausgefallen wäre, wenn es sich nur um die persönlicheneu angeeignete Ueberzeugung des Grase» gehandelthätte; allein es war ein Principienkampf gegen einedem Lutherthum im Schooße Norddcutschlands verderb-liche von der Aristokratie ausgehende Zeitrichtung, inwelcher des ersteren treue Anhänger die Waffen nichtmüsfig ruhen lassen durften; des Grafen Beispiel bliebnicht ohne Nachahmung und die romantische Schulebegann in ihren Chorführern Mariencult, Kreuzesdienstund Römlingthum mehr als gut war zu preisen undzu verherrlichen.

Nach dem Uebertritt übersetzte Graf Stolberg noch1 Tragödien des Aeschylos, die angeblichen GedichteOssiaips, gab 2 Schriften St. Augustin's heraus, ver-faßte eine mittelmäßige Geschichte der Religion Jesuund schloß seine litcrarische Thätigkeit mit einem «Büch-lein der Liebe» ab, in welchem cr dem Thomas a Kempis nachstrebte. Er starb, nachdem er sich auf das GutTatenfeld bei Bielefeld 1812 zurückgezogen hatte, aufseinem Pacht-Gute Sondermühlen bei Osnabrück, blosvon Katholiken umgeben, im Schooße seiner alleinseligmachendcn Kirche.