Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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eines Blaserohrkügclchens bis zu der einer Kartätschen-kugel gefertigt, und sollen, wie man sagt, zur Seestatt der bleiernen Flintenkugeln gebraucht werden, weildas Wasser das Blei anziehe; nächstdein sinv sie eindurch alle Zonen verbreitetes Kinderspielzeug.

Durch eine Vermählung mit der Wittwe seinesBruders sowohl, als durch den Umstand, daß ein alterFreund von Leipzig her, ein Jurist Namens Balz,Thümmel zu seinem Universalerben mit 24,000 Thaler»ernannte, gelangte letzterer zu einem ansehnlichen Ver-mögen, welches sich sogar auf Zuckerplantagen in Su-rinam ausdehnte, und ihm ein sehr angenehmes Lebenverschaffte. Er vermochte sich lange den Musen als einreiner Priester zu weihen, die täglich neue Sorge fin-den Unterhalt einer Familie setzte sich nicht mit anseinen Schreibtisch, ging nicht mit ihm zur Nuhe, er-wachte nicht mit ihm. Thümmel war lange Zeit einglücklicher Dichter, und dieses Glück vermochte nurder Tod seiner geliebten Gattin, minder der einesTheiles seines Vermögens zu trüben, den er inFolge des Krieges zwischen England und Frankreich ,welcher seine amerikanischen Besitzungen mit betraf,erlitt, denn Thümmel achtete das Geld nickt, undhatte von der Natur nicht die Gaben eines Sparersempfangen.

Thümmcl's bedeutendstes Werk war seine «Reisein die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahre1785» bis 1786», welches nach und nach von 1701bis 1805 in zehn Theilen erschien und viel gelesenwurde; ein glücklicher Humor, harmonische Stimmung,heitere Laune bis zur Jovialität und ächt deutsche Ge-müthlichkeit zeichneten vor allen Thümmel's Reisen aus,so daß man ihn mit dem Briten Laurenz Sterne ver-glich, dem er mindestens nicht nachsteht, wenn er ihnnicht vielleicht übertrifft. Und dieses beliebte Buch schriebThümmel in seinem 67. Lebensjahre aus Erinnerungennieder, den Beweis liefernd, daß nickt immer derJngendjahrc, sondern nur der geistigen, im Innerntreu bewahrte» Jugend frische -bedarf, um Werke vondauernder Geltung hervorzubringen. Von geringeremGehalt war das zweite Werk Thümmel's , welches auf«Wilhelmiuc» folgte: «Die Jnoeulatio» der Liebe«;außerdem schrieb er noch die Oper «Zemire und Azvr»

und lieferte verschiedene Aufsätze und Gedichte in zer-streute Almanache u. dgl.

Wie weit zu Thümmel's Zeiten die buchhändlerischeSpcculation, um nicht Frechheit zu sagen, ging, davonliefert ein zu Frankfurt und Leipzig 1702 erschienenesBuch einen schlagenden Beweis. Es führte den Titel:Kleine poetische Schriften von Moritz August von Thüm-mcl, ohne daß der Dichter ein Wort davon wußte, undenthielt in allem 55 Gedichte, zum Theil zwar vonThümmel, zum größer» Theil aber von andern gutenund schlechten Dichtern zusammengerafft. Da in Deutsch-land nichts, was irgend Beifall fand, erscheinen konnte,ohne in Oesterreich nachgedruckt zu werden, so erschien1805 in Wien bei I. V. Degen ein Nachdruck diesesMachwerks aus Velinpapier. Thümmel erhielt 1 Erem-plar, schrieb den Titel auf ein Blatt und dazu: «Schöngedruckt aber mit vielen mir falsch zugeschriebenen Ge-dichten vermischt», und durchstrich mit eigener Handdie nicht von ihm herrührenden Gedichte, darunter auchein Epigramm von Kästner; es blieben blos fünfzehnwirklich von Thümmel herrührende Gedichte in derganzen Sammlung übrig.

Thümmel verschönte auch sein späteres Leben nochdurch manche gleise, welche ihm die liebe und angenehmeBekanntschaft mir ausgezeichneten Männern verschaffte,wechselte, als er in Coburg sich in dem Landeseolle-gium, dessen Beisitzer er doch war, verletzt sah, denAufenthalt in Coburg mir Gotha , in dessen Nähe erdaS Gut Sonneborn besaß, wo er trefflich eingerichtetwar, und hatte, einmal verstimmt, nicht übel Lust, inRußland Dienste zu suchen und zu nehmen; seine treff-lichen Freunde Weiße und Garve brachten ihn jedochvon dieser Idee ab, und so erlebte er, ein heitererLebensphilosoph, hohe Greisenjahre. Sein Alter bliebnicht ohne schwere Prüfungen; ein unglücklicher Fallim Jahre 1811 verletzte ihn hart; 1814 starb seinältester Sohn, Oberster der Sächsischen Cürassier-Gardean einer bei Courtrai empfangenen Wunde auchdiese Prüfungen bestand Thümmel mit Würde. Er-starb in Folge allzuregen Antheils an lebhaften Hof-festen bei der Vermählung des Herzogs Ernst zu Sachsen-Coburg mit Prinzessin Luise zu Sachsen-Gotha im70. Jahre unter heitern und angenehmen Phantasien.