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2 (1894) Charakteristiken
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Von den dreihnndertzweiundachtzig des Jahres 1871'-)sind immer noch sechsunddreißig auf ihren Plätzen, theilsohne Unterbrechung, geblieben, theils nach Pausen wiedereingekehrt. Bringt man in Anschlag, wie viele wider Willendem Tode oder den Wählern zum Opfer fielen, so erscheintdie Zahl nach zwanzig Jahren nicht gering. Sechsund-dreißig, die so lange aushalten bei einer der brotlosestenKünste und in einem Lande, das diesen Beruf dürftigerals irgend ein anderes mit Ehren lohnt, das beweist, daßdie Sache doch ihren geheimen Reiz haben muß. Bismarcksoll einmal in seiner besten Zeit zu jemandem gesagt HabensAm wohlsten fühle ich mich, wenn ich nach einer ge-lungenen Reichstagsrede zu Pferde steige und einen Rittin den Grunewald mache"; und ohne Zweifel liegt einTheil des Reizes auch darin, daß die Parlamente trotzallem und auch bei uns heutigen Tags den Schauplatzbilden, auf deni die Weltgeschichte, wenn auch nicht ge-macht, doch in die Welt gesetzt wird. Hierbei in der Nähezu stehen, Zeuge oder mitthätig zu sein, ist doch nicht daslangweiligste aller Geschäfte, so langweilig auch das vieleReden für den Menschen sein mag, der stets etwas neueshören will. Mich wundert vielmehr, daß schon KönigSalomo , ohne von Parlamenten etwas zu wissen, dasNeue für unmöglich erklärt hat. Und eigentlich ist es einGlück, daß die Menschheit sich so gut mit den alten, eivigwiederkehrenden Reden behilft, denn wieviel Unsinn kämezu Tage, wenn immer was anderes gesagt werden müßte?In Alfred de Vignys Tagebuch las ich unlängst'DiePresse ist ein Mund, der gezwungen ist, immer geöffnet zusein nnd unablässig zu sprechen. Daher kommt, daß sietausendmal mehr sagt, als sie zu sagen hat, und so oft

Jetzt sind es 397, weil die fünfzehn Elsässcr erst später hin-zukamen.