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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Sitten zu verderben oder zu reinigen?" Von seinerAntwort an datiert seine weltumwälzende Schriftstellerei, und dennoch hat derselbe Jean Jacques von sich be-hauptet: nichts sei ihm verhaßter als Politik und Disput!So kennt man sich! Wenn wir uns aber einmal, wie auchSie zugestehen, in die Thatsache der sich immer mehr demo-kratisierenden Welt schicken müssen, so scheint es mir be-sonders gefährlich, romantische Durchblicke iu den Wald derTagespolitik zu schlagen. Hüten wir uns vor der Romantik!Ich weiß nicht, ob die Welt dem Gesetz ewiger Perfektibilitätgehorcht. Ich weiß nur, daß die Ströme niemals aufwärtsfließen. Können wir uns aber nicht vor romantischen An-wandlungen bewahren (wer ist dessen sicher!), so werdenwir gut thun, uns damit in unser Studio einzuschließen.Andernfalls möchten wir, während uns stille Reminiscenzenan das italienische Linczukosnw oder an das französische(Z^avcZ, siöols locken, uns in Gegenden verirren, wo eineRomantik ganz anderer Herkunft haust. Es giebt uämlichauch eine, die nach der Sakristei, und sogar eine, die nachdem Stall duftet.

Daß Sie Ihrem Doktor gehorchen, der Ihnen nochRuhe auferlegt, ist recht. Weil Sie kein Demokrat seien,fügen Sie hinzu. Meinetwegen! wenn nur er kein Doktorder Aristokratie ist! Denn diese hat eine besondere Vor-liebe für Charlatans. Für einen Rekonvalescenten ist Ruhejedenfalls die erste Bürgerpflicht. Hat aber Ihr DoktorSie erst in den Vollbesitz Ihrer angestammten, ausgezeichnetenKonstitution zurückgeführt, so daß Sie ihm nicht mehr blindzn gehorchen brauchen, so werde ich ihn lieben und verehren,auch wenn er von der Höhe eines Stammbaumes vonsechzehn Ahnen des blausten Blutes herabsähe

auf Ihren treuenBerlin , 4. April 1882. L. Bamberger.