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Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
Entstehung
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In derselben Richtung liegen die Vorteile Polens überMoskau hinsichtlich der Arbeit. Denn der polnische Arbeiter,wenn auch dem englischen und deutschen Arbeiter nicht ge-wachsen, steht beiden doch näher als der Moskauer ; er ist,um den Ausdruck der Slavophilen zu gebrauchen, europäischer.Leider habe ich Lodz aus eigener Anschauung nicht kennen ge-lernt; die zahlreichen, russischen Berichte aber, welche ich überdie dortigen Verhältnisse las, und welche zum Teil der solidenund sachkundigen Feder Janschulls entstammen, lassen mirkeinen Zweifel darüber, dafs die Arbeitsersparnis gegenüberMoskau in Lodz weit fortgeschritten ist. Das gleiche be-richten mir Bekannte, welche sowohl in Moskau wie in Polen als Industrielle thätig sind. Den russischen Berichterstatternfällt in Polen die Abwesenheit jener Unzahl von Untermeisternund Aufsehern auf, welche in den russischen Fabriken zurDisciplinierung der Arbeiter unumgänglich sind.

Der polnische Arbeiter bedarf weniger scharfer Zwangs-mittel zur Arbeit als der russische. Schläge sind in denrussischen Fabriken alltäglich, und Janschull stellte in Moskau zahlreiche Fälle fest, in denen Strafabzüge am Lohne eineregelmäfsige Einnahme des Fabrikherrn bedeuteten; derselbeBeobachter fand in den polnischen Fabriken körperliche Strafenund Lohnabzüge nur in mäfsiger Anwendung 1 . Mir scheint derGrund hierfür darin zu liegen, dafs in den polnischen Fabrikenein wirksamerer Antrieb zur Arbeit vorhanden ist als Schlägeund Strafen: das Eigeninteresse des Arbeiters, welches, wiewir sehen werden, die mehr europäischen ArbeiterverhältnissePolens wirksamer in das Spiel setzen, als die halb asiatischenMoskaus .

Das Ergebnis scheint ein ähnliches zu sein, wie das,welches wir oben im Vergleich zwischen Moskau und Lancashire feststellten. Alle Berichterstatter stimmen darin überein, dafsdie Löhne in Polen , und speciell in der polnischen Baumwoll-

1 Vergl. Janschulls angeführten Bericht S. 67, Hins undLangoffs Bericht S. 102.