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guter Ernte hat cler Bauer genug, um zu essen undSteuern zu zahlen, und sucht deshalb keinen industriellenNebenerwerb; je schlechter dagegen die Ernte, desto gröfserdas Angebot an industrieller Arbeit, um so niederer derLohn x .
Diese Verhältnisse schienen den Slavophilen umkleidetmit dem Schimmer der nationalen Romantik. Den Kennerder einschlägigen Litteratur erinnern sie an das, was englischeBlaubücher über die Arbeit der jungen indischen Grofsindustrieberichten. Wichtiger ist die Frage: ist diese landwirtschaft-liche Grundlage der industriellen Arbeit wirklich, wie dieSlavophilen meinen, ein Vorzug Rufslands vor Westeuropa oder — um konkreter zu fragen — ist sie rentabel? Hiernun, wie in vielen Punkten, schien die slavophile Lehre demnächstliegenden Interesse der Fabrikanten trefflich entgegen-zukommen , weshalb sie unter ihnen ihre gläubigsten An-hänger fand. In der That sind die aufsergewöhnlich niederenLöhne, die überlangen Arbeitszeiten, die willenslose Abhängig-keit der Arbeiter vom Arbeitgeber — Eigentümlichkeiten,durch die sich das industrielle Rufsland von Westeuropa unter-scheidet — nur zu verstehen unter Berücksichtigung des Zu-sammenhanges des Arbeiters mit dem Lande.
Ich gründe die folgende Darstellung auf die Arbeiten vonJanschull, Peskoff, Mikulin und Erisman, welche sich auf denmittelrussischen Industriebezirk und auf die in ihm über-wiegende Textilindustrie beziehen. Als Ergänzung sehr wert-voll sind die Arbeiten Swjatlowskis, dessen amtliche Thätigkeitals Fabrikinspektor Stidrufsland und Polen zum Gegen-stand hatte. Die genannten Gewährsmänner haben ihre Mit-teilungen gröfstenteils in der Form von Fabrikinspektorats-berichten und Landschaftsveröffentlichungen niedergelegt. DieseBerichte stammen zumeist aus den achtziger Jahren; ich