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Ende mit Schrecken bereite. Dem gegenüber, so fahren dieSlavophilen fort, das „heilige" Rufsland: in Rufsland gäbe eskein Proletariat im westlichen Sinne. Jedes seiner Kinder,auch der Fabrikarbeiter, sei im Besitze des Urrechtes derMenschen, des Rechtes auf die heimische Scholle; der Ge-meindebesitz verknüpfe ihn mit der Mutter Erde. Unberührtvon den Ideen des Westens, sei er, wie der Bauer, ein Trägeraltnationaler und kirchlicher Traditionen 1 .
In der That läfst sich der Grundunterschied der russischenvon der westeuropäischen Fabrikarbeit in den oft gebrauchtenSatz zusammenfassen: „der Arbeiter hat das Band mitdem Lande noch nicht zerrissen." Er ist mehr oderweniger Bauer, gewöhnlich Mitglied einer Landgemeinde. Nurvorübergehend sucht er industriellen Nebenerwerb, den erfrüher oder später mit dem Pfluge wieder zu vertauschenhofft. Das Ziel seiner Wünsche sind die wogenden Getreide-felder der Heimat.
Die Richtigkeit dieser Behauptung ist durch eine Mengevon Thatsachen zu belegen. Im Sommer sind die industriellenLöhne um 10 bis 20% höher als im Winter, und trotzdem istim Sommer die Arbeiterzahl in den Fabriken geringer als imWinter. In den mechanischen Webereien Moskaus undWladimirs hält man im Sommer, selbst bei dringender Arbeit,nur 70 bis 80% der im Winter beschäftigten Arbeiter zu-sammen 2 . Zur Zeit der Ernte stehen die meisten Fabrikenstill. Ferner: über die Höhe der industriellen Löhne ent-scheidet in erster Linie die vorangegangene Ernte. Bei
1 Vergl. die Ausgabe des Departements für Handel und Manufaktur„Die Fabrikindustrie und der Handel Kufslands", Teil II, S. 274—275 —eine sehr bezeichnende Stelle.
2 Vergl. Janschuli, Fabrikleben im Moskauer Gouvernement,S. 86, 91. Selbst in Narwa, wo die Arbeiter grofsenteils Esthensind, fand ich in der bekannten Stieglitzschen Tuchmanufaktur das-selbe Verhältnis: auf 47 Arbeiter im Winter kamen nur 36 imSommer.
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