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Schutzgewalt des Schwiegervaters, welcher häufig die ehelichenRechte des Sohnes geltend macht. Zu Ostern, vielfach fürden ganzen Sommer, kehren die Arbeiter aus den Fabrikenzur Bestellung der heimischen Felder zurück.
Frauen werden auf dieser Stufe seltener angestellt. Aberauch wo Frauen sich zur Fabrikarbeit stellen, ist zunächst vonfamilienhaftem Leben keine Rede. In gemeinsamen Schlaf-räumen schlafen alle Geschlechter und Alter unterschiedslosdurcheinander, oft dicht gedrängt wegen Raummangels oderzum Schutz vor der Kälte. Wo in zwei Schichten gearbeitetwird, werden die Lagerstätten häufig überhaupt nicht kalt,und fehlt jede Möglichkeit ihrer Reinigung 1 . Die besserenFabriken gewähren den Frauen dagegen besondere Schlaf-säle, welche sich von Anfang an durch gröfsere Sauberkeitauszeichnen. Aber wie dem auch sei, in allen diesen Fällenreifst die Fabrikarbeit die ländliche Familie auseinander: dieMänner arbeiten hier, die Frauen dort. Alle diese Leutestreben daher nach Hause und betrachten das Fabrikleben alsetwas vorübergehendes.
Auch hier ersetzt das nunmehr örtlich festgewurzelteArtell dem Arbeiter die Familie — ein Beweis für den dasEmpfinden des Volkes auch heute noch beherrschenden Triebnach familienhafter Gebundenheit. 2 Bezeichnenderweise pflegendiese Artelle sich zu gliedern in Anteile der Männer, derFrauen und der Kinder. Es ist dies ein Anzeichen dafür,dafs das Artell für die Genossen nur eine vorübergehendeGemeinschaft ist, dafs hinter ihm die „ewige" Gemeinschaft derFamilie steht, in deren Schofse das sexuelle Zusammenwohnen
1 Vergl. Swirski a. a. 0. S. 63; Jan schult a. a. O. S. 117 undden haarsträubenden Bericht von Swjatlowski a. a. 0. S. 68.
2 Eine gute Litteraturzusammenstellung, sowie die richtige Grund-auffassung über das Artell enthält Stacher, Über Ursprung, Ge-schichte, Wesen und Bedeutung des russischen Artells. Dorpat 1890.Vergl. bes. S. 59. Die Schrift von Apostol, Das Artell. Münchnervolkswirtschaftliche Studien. Stuttgart 1898 enthält in deutscher Spracheviele interessante Einzelangaben. Im Grundgedanken — Anlehnung desArtells an die Familie der älteren Zeit — stimmt es mit der in diesemBuche vertretenen Auffassung überein.