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In der Wirtschaftslehre der Slavopliilen und ihrer Nachfolgerlebt dagegen die in Westeuropa längst überwundene merkanti-listische Idee des geschlossenen Handelsstaates wieder auf,leidenschaftlich beredt oft vorgetragen, so noch neuerdingsvon dem bekannten Chemiker Mendelejeff. Diese Leuteglauben, gleich den Merkantilisten der alten Zeit, an die Mög-lichkeit des Exports ohne Import und gehen damit über dieVorstellung des erziehlichen Schutzzolls, wie ihn List vertrat,weit hinaus.
Aber die nationalistische Lehre der Slavopliilen und ihrerNachfolger ist selbst weit entfernt, ein urwüchsiges Kindrussischen Bodens zu sein; sie ist vielmehr — und geradedarin zeigt sich die geistige Zugehörigkeit Rufslands zuEuropa — der Ausläufer einer gewaltigen Wellenbewegung,welche im Laufe unseres Jahrhunderts ganz Europa über-flutete. Der Widerspruch gegen den Individualismus dervorangehenden Aufklärungsperiode, gegen die klassischeNationalökonomie und das System der unbeschränkten Kon-kurrenz war eine allgemein europäische Erscheinung, in welcherbereits Mill den Unterschied des 19. vom 18. Jahrhunderterblickte. Aber diese Bewegung gestaltete sich verschieden,je nach dem Medium, in welches sie einschlug, d. h. je nachden Klassen, welche sie zur Verteidigung ihrer wirtschaft-lichen Interessen benutzten.
In England diente die Bewegung dem Fortschritt, mochtenauch ihre frühen Vertreter, ein Disraeli , ein Carlyle, sehnsuchtsvollnach der Vergangenheit schauen; sie diente dem Aufsteigen derarbeitenden Klassen vom revolutionären Widerspruch zur poli-tischen Mitherrschaft im Staate. Sie bewirkte eine Verände-rung der liberalen Partei, während die konservative Seite,mehr und mehr Vertreterin des beweglichen Besitzes, die einstliberale Manchesterlehre auf ihre Fahne schrieb.
In Deutschland traf die neue Lehre noch feudale Ge-walten bei kräftigem Leben an und sie wurde in ihren Händenzur scharfgeschliffenen Waffe gegen den Siegeslauf der bürger-lichen Klassen. Sie wirkte hier rückschrittlich trotz der in ihrenthaltenen theoretischen Wahrheiten, so als Romantik, als