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Es ist hier leider nicht der Raum, auf jenen merkwürdigenMann näher einzugehen, welcher so lange der Leiter deröffentlichen Meinung Rufslands war. Sein früherer Liberalis-mus hatte zuerst an der polnischen Revolution Schiffbruchgelitten, wurde dann mehr und mehr vom Nationalismus undvon panslavistischen Vorstellungen überwuchert, zu deren Ver-breitung er in seiner Zeitung mehr als irgend einer beigetragenhat 1 . In dem Lande der Selbstherrschaft und des Beamten-tums war dieser Mann der Presse ohne staatlichen Rang, vordem die Minister zitterten, und den der Kaiser jederzeitempfing, eine bisher ungewohnte Erscheinung. Zeitweiseschien das Staatsschiff in panslavistisch-nationalistisches Fahr-wasser einzulaufen.
Der äufsere Anlafs zu jenem Umschwung der öffentlichenMeinung wie der Politik war die auf dem Berliner Kongrefserlebte Enttäuschung, welche Bismarck zum bestgehafsten Mannein Rufsland machte, ferner die Gräuelthaten des Nihilismus,zu deren Bekämpfung allein die eiserne Gewaltherrschaft desMoskauer Zaren geeignet schien, endlich der Umschwung derdamaligen deutschen Politik, welcher im Socialistengesetzseinen Ausdruck fand. Hier wie dort erschien nun denLeitern des Staates der Liberalismus als gefährlicher dennder Socialismus, weil er die abstofsenden Züge seines Innernunter einschmeichelnder Maske verberge. Auch die deutschenGetreidezölle, deren Erhöhung in den achtziger Jahren ins-besondere als direkte Feindschaft aufgefafst wurde, habendazu beigetragen, in Rufsland nicht nur dem extremstenIndustrieschutzzoll, sondern überhaupt allen Europa undspeciell Deutschland feindlichen Richtungen die Wege zuebnen 2 .
1 Vergl. Newjedenski, Katkoff und seine Zeit. Petersburg 1888.
2 Vergl. die Sammlung von Aufsätzen, Moskowski Sbornik, 1896,worin Pobedonosceff seine Politik entwickelt. Europa ist der Herd,von dem aus schreckliche Miasmen socialer Krankheiten (z. B. Prefs-freiheit, Parlamentarismus) sich gegen das „unglückliche" Rufslandheranwälzen. In den Gesprächen, welche ich im Januar 1893 mit