— 218 —
Geldsteuern verfrühen und verstärken den durch das Be-völkerungsgesetz geübten Druck. In der That hat derSteuerdruck schon manches naturalwirtschaftliche Volk in diedem Naturkinde verhafsten Bahnen der Geldwirtschaft ge-trieben, z. B. die eingeborenen Unterthanen europäischerKolonialregierungen. Wie sehr der Steuerdruck — eine Folgeder Grofsmachtspolitik des Staates — auf dem russischenBauer lastet, beschreibt Nicolai—on 1 in folgenden von mirunkontrollierbaren Ziffern: „Wir haben gesehen, dafs die direkteBesteuerung der Bauern 1 U des Rohertrages der wichtigstenGetreidesorten verschlingt; hierbei haben wir die Landschafts-und Gemeindesteuern nicht in Ansatz gebracht. Wir sahendesgleichen, dafs die indirekten Steuern, welche ebenfalls haupt-sächlich auf den Bauern fallen, Mitte der 80 er Jahre ungefähr4 /ö der Reinerträge der Hauptgetreidesorten verschlangen,Ende der 80er Jahre den ganzen Reinertrag."
Blicken wir zurück: Die Volkstümler sind gleich denälteren Slavophilen zu verstehen und zu widerlegen als dieLobredner einer unwiderbringlich verlorenen Vergangenheit.Sie würden es jedoch dem Kritiker schwer verdenken, wenner sie nur unter diesem Gesichtspunkt betrachtete. Ihre Welt-anschauung trägt einen Januskopf; das eine Gesicht ist derVergangenheit zugewendet, das andere der Zukunft, freilich,wie mir scheint, einer Zukunft über den Wolken. In Rücksichtauf diesen zweiten Teil ihrer Lehre bezeichnen sich die Volks-tümler selbst als Radikale; denn sie sind — Socialisten.Es ist hier wieder einmal in interessanter Weise die reak-tionäre Bedeutung der socialistischen Gedankenwelt Deutsch-lands auch für das Ausland bemerkbar: die Volkstümler haltenihr Wirtschaftsprogramm aus dem Grunde für durchführbar,weil ihrer Meinung nach binnen weniger Jahre in Westeuropa der socialistische Staat aufgerichtet sein wird. Damit wirddie Notwendigkeit des Militarismus und Fiskalismus auch fürRufsland hinfällig. Mit der Notwendigkeit des Steuerdrucks
1 A. a. 0. S. 258.