Druckschrift 
Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
Entstehung
Seite
212
Einzelbild herunterladen
 

zu erklärlich bei einem Volke, welches erst vor kurzem undziemlich gewaltsam aus dem gewohnheitsmäfsigen Dasein derVorzeit aufgejagt wurde.

Auch die Einwände liegen auf der Hand. Nur bei äufserstdünner Bevölkerung ist dievolkstümliche Wirtschaftsweise"möglich. Daher ist es gewifs kein Zufall, wenn sie heute einenbesonders glühenden Vertheidiger in dem Kosaken Tscherbinagefunden hat, welchem der Landüberflufs des Südostens vor-schwebt. Auch der reisende Westeuropäer kann sich demBeize der unbegrenzten Steppe nicht entziehen; er begreift dasVollgefühl der Freiheit, das nur derjenige geniefst, den die Füllejungfräulichen Bodens umgiebt: mit der Natur allein, kann erder Menschheit entbehren; er versteht es, wenn der Russenicht erst in Westeuropa , sondern schon im mittleren RufslandüberEnge" klagt.

Aber alle höheren Gaben und Fähigkeiten des Menschenentwickeln sich in letzter Linie im Kampfe um das Dasein,das ist im Kampfe mit der Landenge. Daher ist jene Frei-heit des Landüberflusses kulturwidrig. Ihre Aufrechterhaltungerfordert fortgesetzte Auswanderung des Bevölkerungsnach-wuchses, unter welchem Gesichtspunkt die Auswanderunggeradezu Feindin des Fortschritts werden kann. Insbesondereführt erst der Druck der Bevölkerungszunahme auf gleich-bleibender Fläche zur Absonderung rein gewerblicher Existenzen,zur Loslösung ganzer . Volksschichten vom Lande, ebenso wiezu einer intensiveren Landwirtschaft zwecks Mehrproduktionauf gleichbleibender Fläche.

Die Entwicklung kann mächtig beschleunigt werden durchDruck von oben, d. h. aus politischen Gründen. Hierauf be-ruht folgerichtig der Widerspruch der Volkstümler gegendie von den Panslavisten gewünschte Eroberungspolitik nachaufsen. Für seine auswärtige Politik braucht der StaatKanonen, Gewehre, Kriegsschiffe und Eisenbahnen, besoldeteOffiziere und Beamte. Wie die gegenwärtigen und künftigenKriege, so wirken die Kriege der Vergangenheit nach, derentraurige Denkmäler, die Schuldzinsen im Staatsbudget, Ge-schlechter überdauern. Die zu diesem Zwecke erhobenen