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Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
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Die Stellung der Panslavisten zu den Polen war realistischerals die der Slavophilen. Ein endgültiger Vergleich mit demPolentum ist nämlich für Moskau um dessenwillen unmöglich,weil der polnische Stamm in Rufsland grofsenteils nicht kom-pakte Volksmasse ist, mit der man sich durch Verabredungeiner Grenzlinie auseinandersetzen könnte, sondern vielfachgrundherrliche Klasse über kleinrussische Bauern. Das auchheute nicht über alle Zweifel erhabene Bündnis Kleinrufslandsmit Moskau aber beruht auf dem Schutze Kleinrufslands gegenPolentum und Katholizismus. Konzessionen an Polen be-deuten Gefährdung dieses Bündnisses, auf dem die russischeWeltmacht beruht, Gefährdung der Nationalität und derOrthodoxie in breiten Gebieten des Südwestens, Gefährdungvor allem des heiligen KiefF, derMutter aller russischenStädte".

Dafs man auch heute in russischen Regierungskreisen sichhinsichtlich Polens keinen Täuschungen hingiebt, obgleich einmilderes und europäischeres System der Verwaltung seinenEinzug gehalten hat, zeigt ein Bericht des polnischen General-gouverneurs, des Fürsten Jemeretinski vom Anfang des Jahres1898 1 . Nach wie vor gehört danach der katholische Kleruszu den rastlosesten Feinden der russischen Herrschaft, währenddie Spaltung zwischen Adel und Bauern, welche die Besiegungdes Aufstandes 1862 ermöglichte, überbrückt erscheintletzteres gilt selbstverständlich nur vom sog. Kongrefspolen,in welchem eine nationalpolnische Bauernklasse in Fragekommt.

Nun aber liegt auf der Hand, dafs jeder siegreiche Vor-stofs Rufslands gegen Deutschland nicht Rufsland, sonderndas Polentum stärken würde. Das also gestärkte Polen aberwürde notwendig nach dem Meere, dem Baltischen, wie demSchwarzen, drängen. Solange Deutschland die erste Militär-macht Europas besitzt, ist seine Bekämpfung nur mit grofsenGefahren und mit gröfsten finanziellen Opfern für Rufslandmöglich. Der Siegespreis aber wäre im besten Fall die

1 Vergl. die Times vom 13. Aug. 1898.