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Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
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Rufsland tastet die Integrität Chinas und die Autorität derDynastie nicht an, übernimmt aber eine freundschaftliche,beratende und kulturfördernde Stellung nach Art eines wohl-wollenden Vormundes. Ich sehe eine hohe und ideale Aufgabefür Rufsland darin, ein Träger der Kultur im fernen Osten,ein Bringer der leiblichen und geistigen Wohlfahrt für dieHunderte von Millionen des asiatischen Erdteils zu sein."

Gleichzeitig hat Rufsland durch Vertrag die persischeRegierung verpflichtet, für die nächsten Jahre keine Eisen-bahn zu erbauen 1 . Da man zur Zeit die Hände im Ostenvoll hat, so überläfst man der Zukunft die Verfolgung desgleichen Zieles im Süden: Erreichung des Weltmeeres durchden Landweg; von letzterem ist zudem ein Teil durchBinnengewässer bereits herrlich gegeben: der Spiegel desKaspischen Meeres.

Die Fragen der österreichischen Slaven verlieren dem-gegenüber für Rufsland an Interesse. Ja der Fürst Uchtomskigeht weiter:Die Czechen sind zwar Slaven , aber sie fallenganz in das germanische Gebiet." Gegenüber den erweitertenZielen wünscht Rufsland heute im Gegensatz zur panslavistischenSchulmeinung die Erhaltung der Türkei und die Vermeidungorientalischer Wirx-en 2 .

Wenn also das Programm der Panslavisten heute über-holt ist, so beruht das darauf, dafs es europäische, nicht Welt-politik enthielt. Während sich erstaunlicherweise noch immerviele Franzosen finden, denen die Fragen des Rheins wichtigererscheinen als die des Nils, so ist Rufsland zum Bewufstseinseiner Aufgabe erwacht: Die Welt ist ihm wichtiger, weilgröfser, denn das enge und alte Europa .

Ist aus diesen allgemeinen Gründen die Umbildung desPanslavismus zur neueren Weltmachtspolitik schon verständlich,so weist die Gewalt besonderer Thatsachen gerade Rufslandauf übereuropäische Ziele.

1 G. Drage M. P. im Forum, New-York, Oktober 1898.

2 Vergl. Kohrbach, In Turan und Armenien. Berlin 1898.S. 240, 244.