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energischere Wirtschaftsgegner gewesen wären, als der herunter-gekommene Adel und der altertümliche Mir. Ansätze zusolchen Klassen wurden als Parasiten und Wucherer gebrand-markt. Es ist klar, dafs dieser ganzen reaktionären Politikdann der Boden entzogen wäre, wenn die Landwirtschaftbesser rentierte und damit kaufmännisches Kapital zu pro-duktiven Zwecken in gröfserem Umfange in sie einströmte;dann würde die Landwirtschaft gar bald energischere Ver-teidiger ihrer Interessen finden.
Von diesem Gesichtspunkte läfst sich auch begreifen, dalsseit den siebziger Jahren die Selbstverwaltung Boden verlorenhat. Denn jede Landesvertretung läfst die Minderheit desindustriellen Interesses nur zu deutlich erkennen. Auch hierbietet die slavophile Theorie das ideologische Gewand. Da-gegen wird ein Landtag heute gerade vom Adel als Ver-tretung des agraren Interesses gewünscht 1 . Ähnliches giltvon dem Kampfe gegen die Prefsfreiheit, dem Kampfe gegendie liberalen und zumeist freihändlerischen Zeitungen, wobeiebenfalls die slavophilen Ergüsse gegen die Westlinge an-gewandt wurden. Wie sehr man sich im Besitz des Staateswähnte, zeigte der in den achtziger Jahren von den „MoskauerNachrichten" wiederholt gemachte Vorschlag, statt der prä-ventiven Censur eine aktive Beeinflussung der Prefsmeinungenvon oben einzuführen, d. h. die Vertretung bestimmter Meinungenvon der Presse unter Strafe zu fordern.
In letzter Linie ist es verständlich, wenn die Vertreterdes Industrieinteresses auch an der auswärtigen Politik desPanslavismus Gefallen fanden. Winkte doch hier die Er-weiterung der Absatzgebiete durch politisch beherrschte, demrussischen Zollsystem einverleibte Märkte. Auf diesem Wegekonnte man hoffen, den im Laufe des Jahrhunderts verlorengegangenen Absatz nach Asien wieder zurückzuerobern; denndie russische Industrie ist zur Konkurrenz mit Europa auf
1 Vergl. Preufsisehe Jahrbücher 1897, Band 87, S. 63 — ein Ge-sichtspunkt, welcher die absolutistische Staatsform zur Zeit des Mer-kantilismus als Organisation der industriellen Minderheit überhauptbegründet.