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Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
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gröbste Staatsmänner dem industriellem Erdreich. Darum könnendie Dividenden in England niedrig sein. Trotzdem ist anzu-nehmen, dafs eine solche Höhe der Gewinne, wie wir sieheute in Rufsland begegnen, das Mafs überschreitet, welchesnotwendig ist, um Intelligenzen der Industrie zu gewinnen.

Übermäfsige und mühelos sichere Gewinne aber ver-langsamen den technischen Fortschritt. Sie ermöglichen denFabrikanten ein Dasein in thatenloser Routine. Auf solchemBoden werden die wirtschaftlichen Tugenden der Selbsthilfeund Selbstverantwortlichkeit nicht erblühen.

Der Mangel an Konkurrenz mufs in Rufsland um solähmender wirken, als ein zweiter Faktor fehlt, der im Westenvielfach neben der Konkurrenz den technischen Fortschrittvorwärts getrieben hat: eine von unten andrängende Arbeiter-bewegung. Manche Erfindung in England verdankt ilme Ent-stehung dem Kampfe um die Verteidigung der Gewinnegegenüber den Löhnen, z. B. der Selfactor. Die technischeHöhe, zu der Amerika fortgeschritten ist, beruht gewifs aufden hohen Löhnen und der Machtstellung der dortigen Arbeit;dadurch wird dort die einschläfernde Wirkung des Schutzzollsaufgewogen und, wie die Schriften von Schönhof und Atkinsonschlagend nachweisen, Arbeitsersparnis unter möglichsterSteigerung der Arbeitsintensität erzwungen. Bei der eigen-tümlichen Natur der russischen Arbeit ist ein von ihr aus-gehender Druck in der Richtung des technischen Fortschrittsnicht zu erwarten.

Die Höhe der industriellen Gewinne aber kommt in Rufs-land bei vielen und wichtigen Industriellen vorwiegend aus-ländischen Aktionären zu gute. Schätzt man beispielsweisedie belgischen Kapitalanlagen in der russischen Industrie 1 auf500 Millionen Franken und nimmt man an, dafs ihnen dieHöhe des bestehenden Zollsystems durchschnittlich 10°/o Divi-dende garantiert, so tritt die hieraus entspringende, schwereBelastung der russischen Zahlungsbilanz in das Licht. Eine

1 Vergl. Volkswirtschaftliche Rundschau. Juli 1897. Brief ausBelgien S. 68 u. 78.

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