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Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
Entstehung
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Düngung, bessere Werkzeuge, Maschinen, fortgeschrittenereFeldsysteme u. s. w. Technischer Fortschritt nämlich ist dieAnwendung von mehr Arbeit und mehr Kapitalauf die gleiche Fläche. Mehr Arbeit aber wird nur deranwenden, welcher hoffen kann, durch vermehrte Arbeit wirt-schaftlich vorwärts zu kommen, also Uberschüsse aus seinemBetriebe über das Existenzminimum und die Steuern heraus-zuwirtschaften. Mehr Kapital aber kann nur derjenige an-wenden, welcher thatsächlich Überschüsse erzielt und dieseÜberschüsse nicht ängstlich vor dem Steuererheber (dem dieSteuer umlegenden Mir) verbirgt, sondern offen in neuenProduktionsmitteln anzulegen wagt.

Sicher ist, dafs die grofse Mehrzahl der bäuerlichen Be-triebe Rufslands zu klein ist, um diesen Anforderungen zugenügen. Welche Betriebsgröfse aber diesen Anforderungenentspricht, ist sehr verschieden zu beurteilen, je nach Lage,Klima, Bodenbeschaffenheit, Arbeiterverhältnissen u. s. w.15 bis 30, ja 60 Defsjätinen pro Hof mag als angemesseneGröfse erachtet werden.

In seinem trefflichen Werke über die BauernwirtschaftSüdrufslands weist Postnikoff 1 an Beispielen nach, dafs dieWirtschaft von 2 1 /e5 Defsjätinen nahezu das doppelte anArbeitskräften pro Produkt mehr aufwendet, als die Wirt-schaft von 20 bis 30 Defsjätinen. Der Reinertrag aus derLandwirtschaft der Bauern pro Defsjätine sinkt in demMafse, als der Umfang des Betriebes sich vermindert 3 .Ganz kleine Wirtschaften ergeben überhaupt keinen Rein-ertrag, ja oft genug einen Minderertrag, der durch Unter-ernährung oder Tagelöhnerei ausgeglichen wird. Am vor-teilhaftesten sind nach Postnikoff für Südrufsland Bauern-wirtschaften, welche unter Anwendung von Maschinen undgenügendem Arbeitsvieh eine bäuerliche Familie von 3 männ-lichen Arbeitern voll beschäftigen und nur vorübergehend,etwa für die Ernte, Tagelöhner erfordern. Sie entgehen damit

1 Postnikoff, Südrussische Bauernwirtschaft. Moskau 1891.

2 Postnikoff a. a. 0. S. 316, 320.